Umberto Eco: Der Name der Rose

„Wer nicht liest, wird mit 70 Jahren nur ein einziges Leben gelebt haben: Sein eigenes. Wer liest, wird 5000 Jahre gelebt haben: Er war dabei, als Kain Abel tötete, als Renzo Lucia heiratete, als Leopardi die Unendlichkeit bewunderte. Denn Lesen ist eine Unsterblichkeit nach hinten.“

Umberto Eco (übernommen aus Wikipedia, ohne Verlinkungen)
Nachfolgend ein Auszug aus dem Buch Der Name der Rose von Umberto Eco. Das Buch ist als PDF im Internet zugänglich, der nachfolgende Auszug ist dort auf Seite 124 bis 130 zu finden. Auch dieses mal möchte ich mich an mein Vorhaben halten, einen in meinen Augen interessanten Text unkommentiert zu teilen. Zum Ende der Seite folgen jedoch optional ein paar Worte, woran ich beim Lesen des Textes denken musste und warum ich mich ausgerechnet für diese Passage des Buches entschieden habe. So oder so lohnt es sich den Roman für seinen Bücherschrank zu kaufen. Er zeigt sehr gut, wie weit Machthabende gehen, um anderen Menschen Wissen vorzuenthalten, auch wenn dies hier auf einer fiktionalen Ebene gezeigt wird.
Wie immer ein Hinweis auf eine kostenlose Hörbuchversion auf Youtube. Meiner Meinung nach sollte man Autoren, wenn möglich, immer finanziell unterstützen, in dem man das Buch/Hörbuch kauft. Da Umberto Eco im letzten Jahr verstorben ist, sollte es in Ordnung sein auf die kostenlosen Versionen im Internet zurückzugreifen.
Ich denke es ist ein großes Geschenk, dass wir dank Projekten wie dem Gutenberg-Projekt auf eine immer größer werdende Zahl an Texten zugreifen können. Auch bei den Hörbüchern gibt es dementsprechende „Projekte“, wie auf LibriVox und Youtube zu finden. Die Zeiten in denen der Zugang zu Wissen nur Reichen zur Verfügung steht, sind somit zumindest theoretisch (also für Selbstorganisierte und Interessierte) passé.
Ich weiß, ich hab es schon an anderen Stellen in diesem Blog vermerkt: Man kann die verbrachte Zeit am PC nicht nur durch den Kauf eines Buches reduzieren. PDF-Dateien lassen sich problemlos auf einen E-Reader spielen, Hörbücher lassen sich auf den MP3-Player packen. Wenn man eine Internetseite (wie diesen Text) als PDF haben will, kann man den Text in das Word/Office-Programm kopieren und dann „Als PDF speichern“ unter „Datei“ klicken. Youtube-Videos lassen sich mithilfe von Programmen in MP3-Formate umwandeln. Hier ein kostenloses Programm.
Der Name der Rose wurde in den 1980er Jahren auch verfilmt. Meiner Meinung nach entgeht einem dabei sehr viel, da darin nur der Plot (erzählerischer Hauptstrang) gezeigt wird. Auch hält der Film sich nicht wirklich an die Erzählung von Umberto Eco.
Und jetzt viel Spaß beim Lesen.
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»Ich verstehe immer weniger.«
»Zugegeben, ich bin wohl nicht sehr begabt im Erfinden von Allegorien. Vergiß die Geschichte vom Strom. Versuche lieber zu verstehen, daß viele der Bewegungen, deren Namen du aufgezählt hast, vor mindestens zweihundert Jahren entstanden sind und heute kaum noch existieren, andere dagegen sind noch recht jung . . .«
»Aber wenn man von Ketzern spricht, meint man sie immer alle gemeinsam.«
»Ja, aber das ist eine der Arten, wie die Ketzerei sich verbreitet, und es ist zugleich eine der Arten, wie sie zerstört wird.«
»Ich verstehe schon wieder nicht.«
»Mein Gott, ist das schwer zu erklären! Also gut, fangen wir noch einmal neu an. Stell dir vor, du wärst ein Reformator, ein Erneuerer der Lebensformen. Du versammelst ein paar Getreue, um mit ihnen auf dem Gipfel eines Berges in Armut zu leben. Es dauert nicht lange, und viele Menschenströmen herbei, auch von weither, um dich als einen Propheten oder neuen Apostel zu verehren und dir nachzufolgen. Kommen sie wirklich nur deinetwegen, aufgrund deiner Predigt?«
»Ich weiß nicht, ich hoffe doch. Warum sonst?«
»Vielleicht weil sie von ihren Eltern Geschichten über andere Reformatoren gehört haben und Legenden über mehr oder minder vollkommene Bruderschaften, und nun meinen sie, diese sei jene und jene sei diese.«
»Demnach erbt also jede neue Bewegung die Kinder der älteren?«
»Sicher, denn ihren größten Zulauf erhält sie immer von Laien, einfachen Leuten, die von den Feinheiten der theologischen Lehre nichts verstehen. Gleichwohl entstehen solche Reformbewegungen an verschiedenen Orten, auf verschiedene Weise und mit sehr unterschiedlichen Lehren. Zum Beispiel werden die Katharer häufig mit den Waldensern verwechselt, obwohl ein großer Unterschied zwischen ihnen besteht. Die Waldenser predigten eine Erneuerung der Lebensweise innerhalb
der bestehenden Kirche, die Katharer predigten eine andere Kirche, eine andere Anschauung Gottes und der Moral. Sie meinten, die Welt zerfalle in zwei streng geschiedene und einander hart entgegengesetzte Teile, hier die Kräfte des Guten, dort die Kräfte des Bösen; sie hatten eine eigene Kirche gegründet, in der die kleine Führungsschicht der Perfecti sich scharf von den einfachen Gläubigen abgrenzte; sie hatten eigene Sakramente und eigene Riten und eine sehr starre Hierarchie, fast so starr wie die unserer heiligen Mutter Kirche, und sie dachten gar nicht daran, jedwede Form von Macht zu zerschlagen – was übrigens erklärt, weshalb unter anderem große Herren, Grundbesitzer und reiche Adlige zu ihnen stießen. Auch dachten die Katharer gar nicht daran, die Welt zu verändern, da ihnen der Gegensatz zwischen gut und böse als schlechthin unüberwindlich erschien. Die Waldenser dagegen (und mit ihnen die Arnoldisten oder lombardischen Pauperes) wollten eine andere Welt errichten auf einem Ideal der Armut, weshalb sie die Elenden und Entrechteten in ihre Reihen aufnahmen und gemeinschaftlich von ihrer Hände Arbeit lebten. Die Katharer lehnten die Sakramente der römischen Kirche ab, die Waldenser nicht, sie verwarfen lediglich die Ohrenbeichte.«
»Aber warum werden dann die beiden Bewegungen stets in einem Atemzug genannt, warum spricht man von ihnen immer, als wären sie beide ein und dasselbe schlimme Unkraut?«
»Ich sagte doch: Was sie mit Leben erfüllt, das bringt ihnen auch den Tod. Sie erhalten Zulauf von einfachen Leuten, die durch andere Bewegungen aufgerüttelt worden sind und nun meinen, es handle sich um das gleiche Motiv der Revolte und der Hoffnung. Außerdem werden sie von den Inquisitoren zerschlagen, die den einen die Fehler der anderen zuschreiben. Wenn die Sektierer einer bestimmten Bewegung irgendwo ein Verbrechen begangen haben, wird dieses Verbrechen sofort den Sektierern aller Bewegungen zugeschrieben. Nach der Vernunft sind die Inquisitoren im Unrecht, da sie entgegengesetzte Doktrinen in einen Topf werfen, aber nach dem Unrecht der anderen sind sie im Recht, denn sobald irgendwo zum Beispiel eine Bewegung von Arnoldisten aufkommt, strömen ihr auch diejenigen zu, die vielleicht anderswo Katharer oder Waldenser geworden wären (oder gewesen waren). Die Apostler des Fra Dolcino predigten die physische Vernichtung der Kleriker und der weltlichen Herren, und sie begingen viele Gewalttaten. Die Waldenser waren seit jeher Gegner der Gewalt, ebenso die Fratizellen. Gleichwohl bin ich überzeugt, daß in Fra Dolcinos Bande viele mitliefen, die vorher den Fratizellen oder der waldensischen Predigt gefolgt waren. Die einfachen Leute, lieber Adson, können sich ihre Häresie nicht aussuchen, sie halten sich immer an den, der gerade in ihrer Gegend predigt, der durch ihr Dorf kommt oder auf ihren Plätzen spricht. Und genau das machen sich die Feinde der Ketzer und Reformatoren zunutze. Den erschrockenen Leuten von der Kanzel herab ein einziges, undifferenziertes Ketzertum vor Augen zu führen, das womöglich im gleichen Zuge sowohl die Absage an die geschlechtliche Lust als auch die fleischliche Kommunion der Leiber propagiert, ist heutzutage gute Predigerkunst. Denn sie präsentiert die Vielfalt der Häresien als ein einziges großes Knäuel teuflischer Widersprüche, das den gesunden Menschenverstand beleidigt.«
»Also gibt es keinerlei Wechselbeziehung zwischen den einzelnen Ketzergruppen, und es beruht auf teuflischem Blendwerk der Hölle, wenn ein armer Tropf, der vielleicht gern ein Joachimit oder ein Spiritualer geworden wäre, stattdessen den Katharern in die Hände fällt?«
»Nein, lieber Adson, so ist es nun auch wieder nicht. Fangen wir nochmal von vorn an – und bitte glaube mir, was ich dir hier zu erklären versuche, ist mir, so fürchte ich jedenfalls, selber nicht völlig klar. Meines Erachtens liegt der entscheidende Irrtum darin, daß man meint, erst käme die Ketzerei und dann das Laienvolk, das sich ihr hingibt (und sich in ihr verliert). In Wahrheit kommt erst die Lage des einfachen Volkes und dann die Ketzerei.«
»Wie soll ich das verstehen?«
»Nun, du kennst doch die gängige Vorstellung von der Konstitution des Christen Volkes. Eine große Herde, bestehend aus weißen und schwarzen Schafen, zusammengehalten von scharfen Hunden, das heißt von den Kriegern oder der weltlichen Macht, vom Kaiser und seinen Fürsten, das Ganze geführt von sorgsamen Hirten, das heißt von den Klerikern, den Interpreten der Worte Gottes. Das Bild ist klar.«
»Aber es stimmt nicht: Die Hirten liegen im Kampf mit den Hunden, weil jeder die Rechte des anderen für sich beansprucht.«
»Richtig. Und genau das ist es, was die Natur der Herde vernebelt. Die Hirten und Hunde, vollauf damit beschäftigt, sich gegenseitig zu zerfleischen, kümmern sich nicht mehr um die Herde. Ein Teil von ihr bleibt draußen.«
»Wo draußen?«
»An den Rändern – Bauern, die keine Bauern mehr sind, weil sie kein Land haben oder weil ihr Land sie nicht mehr ernährt, Bürger, die keine Bürger mehr sind, weil sie zu keiner Zunft oder Innung gehören, kleines Volk, leichte Beute für jedermann. Bist du auf deinen Reisen niemals den Aussätzigen begegnet?«
»Doch, einmal sah ich eine ganze Schar, es waren mindestens hundert. Entstellte Körper, das Fleisch zerfallen und gänzlich farblos, auf Krücken gestützt, die Lider geschwollen, die Augen blutunterlaufen. Sie sprachen nicht, sie schrien auch nicht, sie fiepsten wie Mäuse . . .«
»Sie sind für das Volk der Christen die anderen, die an den Rändern der Herde leben. Die Herde haßt sie, und sie hassen die Herde. Sie wünschen ihr den Tod, sie wollen die ganze Herde mit ihrem Aussatz anstecken.«
»Ja, ich entsinne mich einer Geschichte von König Marke, der die schöne Isolde verurteilen mußte. Er wollte sie gerade dem Scheiterhaufen überantworten, da kamen die Aussätzigen und sagten zu ihm, der Scheiterhaufen sei eine geringe Strafe, es gebe noch eine viel schlimmere. Und sie riefen: Gib uns Isolde, auf daß sie uns allen gehöre, das Böse entzündet unsere Begierden, überantworte sie deinen Aussätzigen! Siehe, unsere Lumpen kleben an unseren eitrigen Wunden, und die da an deiner Seite sich schmückt mit kostbaren Stoffen, pelzgefüttert, und edlem Geschmeide, wenn sie erst den Hof der Aussätzigen erblickt, wenn sie einziehen muß in unsere elenden Hütten und sich zwischen uns betten muß, dann wird sie ihre Sünde richtig erkennen und diesem schönen Reisigfeuer eines Tages noch nachtrauern!«
»Du hast ja eine kuriose Lektüre für einen Novizen des heiligen Benedikt«, spottete William, und ich errötete, denn natürlich wußte ich sehr genau, daß ein Novize keine Liebesromane lesen sollte, doch sie zirkulierten unter uns Jungen im Kloster von Melk, und wir lasen sie heimlich nachts bei Kerzenschein.
»Aber lassen wir das«, fuhr William fort, »wichtig ist, daß du verstanden hast, was ich sagen wollte. Die ausgeschlossenen Leprakranken würden am liebsten alle anderen mit in ihr Verderben ziehen. Und je mehr du sie ausschließt, desto schlimmer werden sie, und je mehr du sie dir als eine Schar von Lemuren vorstellst,
die immerfort auf dein Verderben sinnen, desto gründlicher werden sie ausgeschlossen. Der heilige Franz hatte das begriffen, und so war seine erste Entscheidung, unter den Aussätzigen zu leben. Denn man kann das Gottesvolk nicht verändern, wenn man die Ausgeschlossenen nicht wieder integriert.«
»Aber Ihr habt doch von anderen Ausgeschlossenen gesprochen. Nicht die Aussätzigen sind es, aus denen die Ketzergruppen sich rekrutieren.«
»Die Herde ist wie eine Reihe konzentrischer Kreise, von den inneren Zirkeln über die nahe Peripherie bis zu den fernsten Außenringen. Die Aussätzigen sind das Symbol für den Ausschluß im allgemeinen. Das hatte der heilige Franz begriffen. Er wollte nicht nur den Opfern der Lepra helfen, sein Handeln wäre sonst nur ein recht kümmerlicher und jedenfalls ohnmächtiger Akt der Mildtätigkeit gewesen. Nein, er wollte ein Zeichen setzen, das mehr bedeutete. Kennst du die Geschichte von seiner Predigt zu den Vögeln?«
»Ja, man hat mir diese wunderschöne Geschichte erzählt, und ich habe den Heiligen sehr bewundert, wie er da saß inmitten der allerliebsten Geschöpfe Gottes.«
»Nun, dann hat man dir wohl eine falsche Geschichte erzählt, beziehungsweise die fromme Legende, die sich der Orden heute zurechtmacht. Als Fransziskus zum Volk der Stadt und zu ihren Ratsherren sprach und sah, daß diese ihn nicht verstanden, ging er hinaus auf den Friedhof und predigte zu den Krähen und Elstern und Sperbern: zu Raubvögeln, die sich vom Aas ernähren.«
»Wie entsetzlich!« rief ich erschrocken. »Dann waren es also keine lieblichen Singvögel?«
»Es waren Raubvögel, Ausgeschlossene wie die Leprakranken. Franziskus dachte dabei gewiß an jenen Vers aus der Apokalypse, der da heißt: ›Und ich sah einen Engel in der Sonne stehn, und er schrie mit großer Stimme und sprach zu allen Vögeln, die unter dem Himmel fliegen: Kommt und versammelt euch zu dem Abendmahl des großen Gottes, daß ihr esset das Fleisch der Könige und Hauptleute und das Fleisch der Starken und der Pferde und derer, die darauf sitzen, und das Fleisch aller Freien und Knechte, der Kleinen und der Großen!‹«
»Also wollte Franziskus die Ausgeschlossenen zur Rebellion aufrufen?«
»Nein, das taten höchstens Fra Dolcino und die Seinen. Franziskus wollte die zur Rebellion bereiten Ausgeschlossenen dazu bewegen, sich in das Volk Gottes wieder eingliedern zu lassen. Um die zerstreute Herde wieder zu sammeln, mußten zuerst die verlorenen Schafe wiedergefunden werden. Leider war ihm kein Erfolg beschieden, und das sage ich hier mit großer Bitterkeit. Um die Ausgeschlossenen zu integrieren, mußte Franziskus im Innern der Kirche handeln; um im Innern der Kirche zu handeln, mußte er dafür sorgen, daß seine Regel anerkannt wurde, aus der ein Orden hervorgehen sollte – und ein Orden, wie er dann aus ihr hervorging, mußte zwangsläufig wieder das Bild eines Kreises bieten, an dessen Rändern die Ausgeschlossenen leben . . . Begreifst du nun, warum sich später die Banden der Fratizellen und Joachimiten gebildet haben, die gleichfalls wieder die Ausgeschlossenen um sich versammeln?«
»Ja, aber wir sprachen doch nicht vom heiligen Franz, sondern von der Frage, inwiefern die Ketzerei durch das Laienvolk und die Ausgeschlossenen hervorgebracht worden ist.«
»Richtig, wir sprachen von den verstoßenen Schafen. Jahrhundertelang, während Papst und Kaiser einander in ihren Machtdiatriben befehdeten, hatten sie an den Rändern der Herde gelebt – sie, die wahren Aussätzigen, für welche die Lepra nur das Zeichen ist, das Gott uns gesetzt hat, damit wir dieses treffliche Gleichnis verstehen und endlich begreifen, daß ›Aussätzige‹ nichts anderes heißt als: Ausgeschlossene, Entrechtete, Niedergehaltene, Entwurzelte und Getretene, das ganze ins Elend gestürzte oder im Elend gehaltene Volk auf dem Lande und in den Städten. Aber wir haben das Gleichnis nicht verstanden, das Geheimnis der Lepra hat uns weiterhin immer nur Angst gemacht, weil wir seine Zeichen natur nicht erkannten. So waren die Ausgestoßenen schließlich bereit, jeder Predigt zu folgen (und das hieß: sie hervorzubringen), die unter Berufung auf das Wort Gottes de facto
das Verhalten der Hirten und Hunde anprangerte und versprach, daß eines Tages die Strafe dafür kommen werde. Und das verstehen die Mächtigen immer. Sie wußten sofort: eine Reintegration der Ausgeschlossenen würde unvermeidlich zu einer Schmälerung ihrer Privilegien fuhren, und darum mußten die Ausgeschlossenen, die sich ihres Ausgeschlossenseins innezuwerden begannen, als Ketzer verbrannt werden – gleichgültig, welcher häretischen Lehre sie folgten. Auch den Ausgeschlossenen ging es, verblendet durch ihren Ausschluß, in Wahrheit nicht um irgendeine Lehre. Zu glauben, jemand sei wirklich an ihrer Lehre interessiert, ist die Illusion aller Häresien. Jeder ist ketzerisch, jeder ist rechtgläubig, nicht um den Glauben geht es, den eine Bewegung anbietet, sondern allein um die Hoffnung, die sie weckt. Jede häretische Lehre ist stets nur das Banner, die Kampfparole einer Revolte gegen realen Ausschluß. Kratz an der Häresie, und du findest den Aussätzigen. Jeder Kampf gegen die Häresie will in Wahrheit nur eines: daß die Aussätzigen bleiben, was sie sind. Was willst du da von den Aussätzigen verlangen? Daß sie feine Unterscheidungen treffen zwischen wahren und falschen Elementen im Dogma von der Dreifaltigkeit oder in den Definitionen der Eucharistie? Ach, Adson, dergleichen sind schöne Spielchen für uns Theologen. Das einfache Volk hat andere Probleme. Und merke: Es löst sie immer falsch. Darum bringt es die Ketzer hervor.«
»Aber warum werden die Ketzer dann von manchen Herren ermuntert?«
»Weil sie manchen Herren ganz gut in den Kram passen – als Spielsteine in einem Spiel, bei dem es meist nicht um Fragen des Glaubens geht, sondern um Fragen der Macht.«
»Ist das der Grund, warum die römische Kirche ihre Gegner stets als Ketzer bezichtigt?«
»Ja, und aus demselben Grund anerkennt sie als rechtgläubig die Ketzerei, die sie unter ihre Kontrolle zu bringen vermag, oder die sie akzeptieren muß, weil sie zu stark geworden ist und es nicht ratsam wäre, sie als Gegner zu haben. Natürlich gibt es dafür keine feste Regel, es kommt immer auf die Menschen und auf die Umstände an. Genauso verhalten sich auch die weltlichen Herren. Vor fünfzig Jahren erließ die
Gemeinde von Padua eine Verordnung, in der als Strafe für Mord an einem Geistlichen die Zahlung eines relativ hohen Bußgeldes festgesetzt wurde . . .«
»Das ist doch keine Strafe für Mord!«
»Genau. Es war eine indirekte Ermunterung der Wut des Volkes auf den Klerus, denn die Gemeinde lag damals im Streit mit dem Bischof. Nun verstehst du auch, warum die Gläubigen zu Cremona vor einigen Jahren den Katharern Unterstützung gewährten: nicht aus Glaubensgründen, sondern um der Kirche in Rom einen Denkzettel zu verpassen. Manchmal ermuntern die Ratsherren einer Stadt auch die Ketzer, das Evangelium in die Volkssprache zu übersetzen, denn die Volkssprache ist heutzutage die Sprache der Städte, Latein ist nur noch die Sprache Roms und der Klöster.Oder sie ermuntern die Waldenser zu behaupten, alle Menschen, Männer und Frauen, Große und Kleine, seien gleichermaßen imstande zu lehren und zu predigen, und wenn ein Handwerksbursche zehn Tage lang unterwiesen worden sei, könne er sich einen anderen suchen, um dessen Lehrer zu werden . . .«
»Womit sie den Unterschied auslöschen, der die Kleriker unersetzlich macht! Aber wie kommt es dann, daß auch die städtischen Magistrate manchmal gegen die Ketzer vorgehen und daß sie der Kirche helfen, sie auf den Scheiterhaufen zu bringen?«
»Weil sie merken, daß ein weiteres Umsichgreifen der Ketzerei auch die Privilegien der Laien, die in der Volkssprache reden, antasten würde. Auf dem Laterankonzil im Jahre 1179 (du siehst, diese Geschichten reichen bald zweihundert Jahre zurück) warnte bereits Walter Map vor den Folgen einer zu großen Nachsicht gegenüber den Jüngern des Wanderpredigers Waldes, den ersten Waldensern, die er Idioten und Illiteraten nannte. Er sagte, wenn ich mich recht entsinne, sie hätten keine feste Bleibe, sie liefen barfuß herum ohne jede Habe, alles gemeinschaftlich teilend, als nackte Jünger dem nackten Christus folgend; noch sei ihre Zahl zwar verschwindend gering und ihr Auftreten äußerst bescheiden, weil sie Ausgeschlossene seien, doch wenn man ihnen zuviel Raum lasse, würden sie eines Tages alle verjagen. Deswegen haben die Städte dann später auch häufig die Bettelorden begünstigt und insbesondere uns Franziskaner, denn wir erlaubten ihnen den Aufbau einer harmonischen Wechselbeziehung zwischen dem Bedürfnis nach Buße und dem städtischen Leben, zwischen der Kirche und den Bürgern, die an ihren Märkten interessiert sind…«
»Und ist es damals gelungen, die Liebe zu Gott mit der Liebe zum Handel in Einklang zu bringen?«
»Nein, die spirituellen Reformbewegungen rannten sich fest und wurden in die festen Bahnen eines vom Papst anerkannten Ordens kanalisiert. Doch was darunter brodelte, wurde nicht kanalisiert. Es mündete einerseits in die Flagellantenbewegung, die niemandem etwas zuleide tut, andererseits in die Gründung bewaffneter Banden wie jener des Fra Dolcino oder auch in die Gründung geheimbündlerischer Sekten mit magischen Ritualen wie denen der Brüder von Montefalco, von denen Ubertin sprach . . .«
»Aber wer war dann im Recht?« fragte ich bestürzt. »Wer ist im Recht und wer ist im Unrecht?«
»Alle waren auf ihre Weise im Recht, und alle waren im Unrecht . . .«
»Aber Ihr müßt doch eine Meinung haben!« begehrte ich auf. »Warum nehmt Ihr nicht Stellung, warum sagt Ihr mir nicht, wo die Wahrheit liegt?«
William verharrte einen Augenblick schweigend und hob die Linse, an der er gerade feilte, gegen das Licht. Dann senkte er sie auf den Tisch und zeigte mir durch die Linse hindurch eine Feile. »Schau her«, sagte er. »Was siehst du?«
»Die Feile, ein wenig vergrößert.«
»Eben. Das Äußerste, was man tun kann, ist, besser hinzuschauen.«
»Aber die Feile bleibt immer dieselbe!«
»Auch die Handschrift des Venantius bleibt immer dieselbe, wenn es mir dank dieser Linse gelungen sein wird, sie zu lesen. Aber wenn ich sie dann gelesen habe, kenne ich vielleicht ein bißchen mehr von der Wahrheit. Und vielleicht können wir dann das Leben dieser Abtei ein wenig verbessern.«
»Aber das genügt nicht!«
»Ich sage hier mehr, als es dir scheinen mag, lieber Adson. Ich habe dir schon öfter von Roger Bacon erzählt. Er war vielleicht nicht der Weiseste aller Zeiten, aber ich war stets fasziniert von der Hoffnung, die seine Liebe zur Weisheit beseelte. Bacon glaubte an die Kraft des einfachen Volkes, an seine Bedürfnisse und geistigen Inventionen. Er wäre kein guter Franziskaner gewesen, wenn er nicht gedacht hätte, daß die Armen und Entrechteten, die Idioten und Illiteraten oft mit dem Munde Unseres Herrn sprechen. Hätte er die Fratizellen näher kennengelernt, er wäre ihnen mit größerer Aufmerksamkeit gefolgt als den Provinzialen des Ordens. Die einfachen Laien haben etwas, das den hochgelehrten Doktoren, die sich oft in der Suche nach den allgemeinen Gesetzen verlieren, abgeht: die Intuition des Individuellen. Aber diese Intuition allein genügt nicht. Die einfachen Laien fühlen eine Wahrheit, die vielleicht wahrer ist als die Wahrheit der Theologen, doch dann vergeuden sie diese gefühlte Wahrheit in unbedachten Aktionen. Was kann man dagegen tun? Den Laien die Wissenschaft bringen? Das wäre zu einfach oder vielleicht auch zu schwierig. Und außerdem welche Wissenschaft? Die der Bücher in Abbos Bibliothek? Die französischen Meister haben sich dieses Problem gestellt. Der große Bonaventura sagte, die Gelehrten müßten die Wahrheit, die in den Aktionen der einfachen Leute steckt, zu begrifflicher Klarheit bringen . . .«

Nachbemerkung: Wie schon angekündigt, im Folgenden zusammengefasst meine spontanen Gedanken, die mir beim Lesen aufkamen. Zusammengefasst, weil in einem persönlichen Gespräch viel mehr Interpretation möglich wäre, auch wenn hier schon viele Gedanken aufgeführt sind. Ich gehe dabei überwiegend auf Parallelen zur heutigen Zeit ein. Wir schauen hier auf einen Roman, der historisch verdammt gut recherchiert ist und bei dem Parallelen zur heutigen Zeit (zumindest die 1980er Jahre) durchaus beabsichtigt waren. Trotzdem entsprechen die nachfolgenden Ausführungen nur meiner subjektive Sicht und dienen deshalb nur zur Anregung.
x Zu Beginn des Textes sagt William von Baskerville, dass „viele der Bewegungen (…) vor mindestens zweihundert Jahren entstanden sind„.
In der veröffentlichten Meinung werden gerne mal ganze Passagen über die Entstehung eines Konfliktes einfach weggelassen. Es wird einfach da angesetzt, wo es in das Bild passt. Auf diesen Trick sollten wir nicht hereinfallen. Es kostet zwar Mühe, die Hintergründe genauer zu recherchieren, wenn die Presse dieser Aufgabe nicht gerecht wird. Es lohnt sich aber, weil dabei durchaus ein völlig anderes Bild entstehen kann. Ich verzichte hier auf die offensichtlichen Beispiele.
x Aber wir sollten uns nicht scheuen über die Jahrhunderte zu denken. Bei der Manipulation des „kleinen Mannes“ erkennen wir beispielsweise eine Kontinuität in der Geschichte über Jahrtausende. Es ist nicht immer alles ein Produkt von „Angebot und Nachfrage“ oder dem „Zeitgeist„. Manchmal stehen langfristig gedachte Vorhaben dahinter und werden mit dem Haus und Grundstück auch an die Nachkommen vererbt.
x Aber sprechen wir nun von „Bewegungen“ in dem Sinne wie von William gemeint, nämlich religiöse Strömungen als eine Gruppe organisiert, welche von der Institution Kirche als „Ketzer“ bezeichnet und verfolgt werden.

Im Text wird aufgeführt, wie diese „Ketzer“ in ihrer Unterschiedlichkeit von der Kirche in einen Topf geworfen werden, in den Ketzertopf.

So haben die Katherer und Waldenser völlig unterschiedliche Programme und Ansichten, werden aber beide als Ketzer zusammengefasst.

Man denke in dem Kontext wie sich heutzutage darum bemüht wird, rechte und linke „Ketzer“ in einen Topf zu werfen. Das Ganze bezeichnet man als „Querfront“ und sorgt so dafür, dass Systemkritiker diskreditiert werden und sich so wenig Menschen wie möglich dieser Kritik anschliessen wollen. Zitat, Adson von Melk (der andere Gesprächspartner im Text): „Aber, wenn man von Ketzern spricht, meint man sie immer alle gemeinsam„. Antwort William: „Ja, aber das ist eine der Arten, wie  die Ketzerei sich verbreitet. Und es ist zugleich eine der Arten, wie sie zerstört wird.“

x So können „Verbrechen“ der „Sektierer“ sofort allen „Sektierern„, allen Bewegungen zugeschrieben werden. Gewalttätige Gruppen können somit mit pazifistischen Bewegungen vermischt werden. Praktisch.
x „Die einfachen Leute, lieber Adson, können sich die Häresie nicht aussuchen.“ Auch heute ist zu beobachten, dass unzufriedene Menschen je nach den umgebenden Zuständen auch mal in die falschen Hände geraten. Rechte „Rattenfänger“ halten genau nach diesen armen Menschen (die ich nicht Ratten nennen will) Ausschau. „Sie halten sich immer an den, der gerade in ihrer Gegend prädigt, der durch ihr Dorf kommt, oder auf ihren Plätzen spricht.“
x Trotz Diskreditierung werden bestimmte Abweichler gerne vom System eingespannt. Dieses Phänomen wird auch von William angesprochen. Die Ideologie ist im Prinzip egal. Hauptsache es passt in den Kram.
So wird heute ein wenig links akzeptiert, wenn es darum geht das wirkliche links zu unterdrücken.
Auch gelten Terroristen (die wohl passendste Parallele zur „Bewegung“ im Sinne von William, wenn man sich die radikalen Gruppierungen anschaut) mal als Feinde, mal als Freunde. Getreu nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Wenn die Terrorgruppe nicht vollkommen selbst durch Geheimdienste oder finanzielle Ströme erschaffen wurde. Nach William werden Ketzer direkt aus Kalkül für die eigenen Ziele der Mächtigen eingespannt, oder aber, wenn eine Gruppe zu stark wird und nicht mehr ignoriert werden kann („nicht ratsam sie als Gegner zu haben„).
Adson: „Aber warum werden die Ketzer dann von manchen Herren ermuntert?„. William: „Weil sie manchen Herren ganz gut in den Kram passen – als Spielsteine in einem Spiel, bei dem es meist nicht um Fragen des Glaubens geht, sondern um Fragen der Macht.
x Zitat Adson: „Demnach, erbt also jede neue Bewegung die Kinder der Eltern?„. Gehen wir mit der „Bewegung“ weg von den Terroristen und der manipulierenden Elite und bleiben bei der politisch abweichenden Meinung und spannen das weiter zu den Protestbewegungen von heute. Wie viel Veränderung ist eigentlich möglich? Menschen protestieren schon seit Ewigkeiten, trotzdem sieht der Planet aus wie ein einziger Kackhaufen (Bspl: seit den 1970ern hat sich die Anzahl der Arten halbiert). Trotz dem Vorhaben den Hunger auszumerzen, hungern immer noch Menschen.
Für wirkliche Veränderungen muss man sich durchaus von den „Geschichten über andere Reformatoren“ der Eltern trennen und neue Methoden zur Veränderung heranziehen. Apps, die den Stromverbrauch aufzeichnen, zählen sicherlich nicht dazu. Die vielen Veränderungen zum Guten sollen nicht unter den Tisch gekehrt werden. Aber die zweite Hälfte der verlorenen Arten bringen sie leider nicht zurück.
x William: „Vor fünfzig Jahren erließ die Gemeinde von Padua eine Verordnung, in der als Strafe für Mord an einem Geistlichen die Zahlung eines relativ hohen  Bußgeldes festgesetzt wurde.“ Auch für vom Staat beauftragte Terroristen und Folterer gibt es heute (ich habe dabei speziell die Operation Gladio und Guantanamo im Kopf) nicht allzu hohe Strafen für Mord und Misshandlungen.
x William: „Und bitte glaube mir, das was ich dir hier zu erklären versuche, ist mir selber nicht völlig klar.“ Jeder kennt sie (oder ist selbst betroffen?): Menschen, die ihre Meinung vertreten. Das ist an sich noch nichts schlechtes. Ich meine aber Menschen, die vehement ihre Meinung vertreten. Menschen, die „wissen, dass sie wissen„. Es sollte uns allen klar werden, dass wir nie die letztendliche Wahrheit wissen. Jeder konstruiert seine eigene Wahrheit, das ist unter dem Begriff Konstruktivismus auch wissenschaftlich nachzulesen. Menschen, die trotzdem rot werden bei einem „Streitgespräch„, oder vor lauter Arroganz den anderen als unwissend ansehen, brauchen meiner Meinung nach Nachhilfe, in schlimmeren Fällen sogar Hilfe in Form von Therapie. Was haben Talkshows dann eigentlich für einen Sinn? Uns werden eh immer Informationen vorenthalten. Der einzige Weg zur Wahrheit (zumindest zur Annährung) ist die Kooperation, also das gemeinsame Finden der Wahrheit! Man sollte sich also eine Scheibe von William abschneiden (auch wenn ein viel zu offenes Weltbild dazu verleitet alles als unwahr anzusehen und sicherlich auch nicht zu empfehlen ist. Auch William hat übrigens „zuweilen ein wenig [mit] dem Laster der Eitelkeit“ [Roman, S. 36] zu kämpfen, wobei ich das im Kontext des überzogenen Eitelkeitsverbot der Mönche sehe).
William später im Verlauf: „Das Äußerste, was man tun kann, ist, besser hinzuschauen.
x „Nun, du kennst doch die gängige Vorstellung von der Konstitution des Christen Volkes. Eine große Herde, bestehend aus weißen und schwarzen Schafen, zusammengehalten von scharfen Hunden, das heißt von den Kriegern oder der weltlichen Macht, vom Kaiser und seinen Fürsten, das Ganze geführt von sorgsamen Hirten, das heißt von den Klerikern, den Interpreten der Worte Gottes. Das Bild ist klar.“ Kein Kommentar (auch wenn die Gruppen bei der heutigen Interpretation ausgetauscht werden müssen, existiert auch heute ein System das sich mit Begriffen wie Schaafe und Hirten gut darstellen lässt).
x Beim Streit der Hunde und Hirten bleiben einige Menschen außen vor. William: „An den Rändern – Bauern, die keine Bauern mehr sind, weil sie kein Land haben oder weil ihr Land sie nicht mehr ernährt, Bürger, die keine Bürger mehr sind, weil sie zu keiner Zunft oder Innung gehören, kleines Volk, leichte Beute für jedermann. Bist du auf deinen Reisen niemals den Aussätzigen begegnet„. Eben in dem Milieu der Ausgestoßenen finden die radikalen Gruppen ihren Nachwuchs. Man denke an die Banlieues in Frankreich. Über die Situation der Ausgestoßenen spricht William im Text ja noch ausführlicher. „Die Herde hasst sie, und sie hassen die Herde. Sie wünschen ihr den Tod (…)„. Die ins Elend gestürtzten Menschen sollten aus ihrer Misslage befreit werden, anstatt dass sich immer nur bei Terroranschlägen über die bösen Terroristen beschwert wird. William: „Eine Reintegration der Ausgeschlossenen würde unvermeidlich zu einer Schmälerung ihrer Privilegien [der Machthaber] führen.“
x Die Geschichte über den heiligen Franziskus und die Vögel. Adson kannte sie ganz anders als William. Adsons Version war die, dass Franz mit Singvögeln-, Williams, dass er mit Raubvögeln sprach. Ein Beispiel für Geschichtsfälschung (in dem Fall: „Verniedlichung„), ein gängiges Mittel, die Dinge zu verdrehen.
x „Bacon glaubte an die Kraft des einfachen Volkes, an seine Bedürfnisse und geistigen Inventionen. Er wäre kein guter Franziskaner gewesen, wenn er nicht gedacht hätte, daß die Armen und Entrechteten, die Idioten und Illiteraten oft mit dem Munde Unseres Herrn sprechen.“ Die „Intuition des Individuellen“ wird heute gerne mal demokratieskeptisch von vermeintlichen „Demokraten“ abgelehnt. Dem Volk ist nicht zuzutrauen zu entscheiden. Dies übernehmen lieber die Lobbyisten. „Wie bleibt man den Erfahrungen der einfachen Leute nahe, indem man sich sozusagen ihre operative Kraft, ihre Handlungsfähigkeit bewahrt, um damit ihre Welt zu verändern und zu verbessern?„Auch wir Menschen von heute streben nach Verbesserungen. Unsere „operative Kraft“ lässt leider oft zu wünschen übrig, wie oben ausgeführt (Stichwort Kackhaufen).
x „Die einfachen Laien fühlen eine Wahrheit, die vielleicht wahrer ist als die Wahrheit der Theologen, doch dann vergeuden sie diese gefühlte Wahrheit in unbedachten Aktionen.“ Leider ist es mit Petitionen unterschreiben nicht getan (in denen man sich darüber hinaus oft auch nur finanziell beteiligen kann).  Es sind grundlegende Veränderungen vonnöten, auch Veränderungen der inneren Einstellung, um wirkliche Veränderungen herbeizuführen. Der Mensch muss sich wie Kant sagte „von seiner eigenen Unmündigkeit befreien“ (wobei ich mich hier für das idealistische Geschreibe entschuldige, aber insgesamt gesehen ist das halt nötig). Dazu die finale Passage aus meinem Text „Erkenne und verändere dich selbst!„, die meiner Meinung nach die Triebfeder für wirkliche Veränderung zusammenfasst:
Der einzige Weg, die Welt davor zu bewahren, ins totale Chaos zu verfallen und dauerhaft Frieden zu schaffen, Frieden, der die Erde, und die potentiell von den Menschen als besiedelbar ins Auge gefassten weiteren Planeten, bewohnbar hielte, geht mit einem radikalen Umdenken einher. Die Revolution darf nicht, wie oft gefordert, auf einen blosen Systemwechsel abzielen. Ihr muss eine Revolution im Kopf vorausgehen. Es ist ein langer Prozess der Selbsterkenntniss, ein langer Prozess der Selbstveränderung. Welche auch nur fruchten kann, wenn der Mensch anfängt als Spezies zu denken. Und welche auch nur funktionieren wird, wenn den jüngsten in der Gesellschaft, den Kindern, nicht vorenthalten wird, sich selbst zu verwirklichen. In einem Stadium, in dem ein Sich ändern nicht mal mehr vonnöten wäre, weil noch das angeborene Gefühl für Recht und Unrecht bestünde.“
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