Attentat, Bombe, Chemie, Dschidad – Das Alphabet der Gewaltindoktrination

In Afghanistan lernten Schulkinder jahrzehntelang mit „dschihadistischen“ Lehrmaterialien

Diese Seiten stammen aus einem afghanischen Lehrbuch, das ca. zwei Jahrzehnte so in afghanischen Schulen eingesetzt wurde. Die Waffen wurden zwischenzeitlich durch Orangen und Äpfel ersetzt. Der fundamentalistische Text zum Teil trotzdem geblieben. Entstehungsort beider Versionen: University of Nebraska at Omaha Center for Afghanistan Studies. Finanzierung: Die US-Regierung. Ins Land gebracht durch die von der CIA und dem pakistainischen Geheimdienst ISI etablierten Schmuggelkanäle, ungefähr anfang der 1980er Jahre.

Während die meisten Kinder mit Spiel und Spaß lernen zu lesen und zu rechnen, mussten afghanische dies jahrzehntelang mit Waffen und Gewalt tun. Statt Affe, Bär, Chamäleon und Dino sollten Wörter wie Dschihad den Lerneffekt steigern.

Gedruckt und verschifft durch die US-amerikanischen Regierung  in den 1980er Jahren, um den dortigen Schulkindern „Bildung“ näher zu bringen. Vielleicht aber eher dazu, um es in Zbigniew Brzezinskis Worten zu sagen, um den Sowjets „ihr eigenes Vietnam“ zu bereiten. Wurde damit nicht auch im von Bürgerkriegen und Flüchtlingswellen geplagten Afghanistan, in dem desillusionierte und die Hoffnung verlorene Jugendliche sich dem Radikalismus zuwenden,  nicht ein idealer ideologischer Grundstein für Al-qaida und später ISIS gelegt?

So wurde z.B. der Buchstabe „T“ mit dem Wort „Topak“ für Waffe gelehrt und als Beispiel „Mein Onkel hat eine Waffe“ verwendet. Die nächste Seite zeigte das „J“ für „Jihad“. Beispiel: „Der Jihad ist Pflicht“, „Jamil ging in den Jihad“ und „Ich werde auch in den Dschihad ziehen“ (freie Übersetzung). Gelernt zu Zählen wurde mit Waffen, Patronen, Soldaten und Minen. Das Äquivalent zur heutigen „Sachkunde“ wurde durch Lektionen wie: „Kabul kann nur von Muslimen regiert werden. Die russischen Eindringlinge sind Ungläubige“.

Als viele Jahre später die Taliban die Regierung übernahmen, mussten die Lehrbücher nicht einmal angepasst werden. Dankend nahmen sie diese „made-in-US“-Produktion an, und druckten sie in noch höherer Auflage. Laut Al-Jazeera befinden sich die Bücher zum Teil bis heute (Stand 2014) im Einsatz.

In einem Buch wertet die Autorin Dana Burde das Fortbestehen der Bücher bis heute als eine ungewollte Konsequenz von ernst gemeinter Entwicklungspolitik, ein Produkt eines von Konflikten erschütterten Afghanistans. In Anbetracht der Ansichten einiger der damaligen Verantwortlichen (Siehe dazu erneut: „Tod den Amerikanern„), mutet dies wie eine höchstgradige Verharmlosung an. Zbigniew Brzezinski, damals federführend bei der Bewaffnung von dem Vorläufer von Al-Qaida, den Mudschaheddin, in einem Interview: „What is most important for world history? The Taliban or the fall of the Soviet Empire? Some Islamic hotheads or the liberation of Central Europe and the end of the cold war?“.

Die UNICEF bemühte sich darum, die Bücher aus dem Verkehr zu ziehen und zu zerstören und hat dies bei mindestens einer halben Million Exemplaren erfolgreich getan. Weder hat sie die Möglichkeit alle Drucke ausfindig zu machen, noch die Wirkung der Bücher in einem bis heute von Krieg, Flucht und Zerstörung geplagten Land rückgängig zu machen. Gefragt nach den Motiven für die gewaltverherrlichenden Schulbücher antworteten die Verantwortlichen von der University of Nebraska, man nutze nunmal die Gegenstände, die man auch im Alltag findet, als Lernbeispiele. Die mit Mienen bewaffneten, Dschihadisten nachahmenden Erstklässlerinnen kann man sich bildlich richtig schön ausmalen.

Was sich die Herren von der University of Nebraska damals gedacht haben wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Im besten Fall haben sie nicht gelogen und sind einfach nur dumm wie Brot. Im schlimmsten Fall, mir fällt im Moment zumindest kein schlimmerer ein, handelt es sich dabei um eine lang angelegte Strategie, den Nahen Osten ins Chaos zu stützen. So oder so, es ist ein historisches Meisterstück der Schande. Es ist nichts anderes als pure Gewaltindoktrination.


Weitere Informationen (leider nur englischsprachig):

Eine Artikelzusammenstellung: https://supportdanielboyd.wordpress.com/jihad-and-misconceptions/

WashingtonPost: https://www.washingtonpost.com/news/worldviews/wp/2014/12/08/the-taliban-indoctrinates-kids-with-jihadist-textbooks-paid-for-by-the-u-s/?utm_term=.e6f4385d2835

Economist: http://www.economist.com/blogs/banyan/2012/11/textbooks-afghanistan

Al-Jazeera: http://america.aljazeera.com/articles/2014/12/7/afghan-fighters-americantextbooks.html

Bilder: NationalArmyMuseum

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Eine Antwort zu Attentat, Bombe, Chemie, Dschidad – Das Alphabet der Gewaltindoktrination

  1. karolwojci schreibt:

    Kleine nachträgliche Anmerkung: Der Absatz, in dem es um die Autorin Dana Burde geht, muss noch einmal überprüft werden. Ich habe mir das Buch ausgeliehen und sehe, dass sie sehr kritisch mit der Sache umgeht und nicht nur von „ernstgemeinter Entwicklungshilfe“ spricht, sondern ganz klar die politische Absicht und ihre Folgen herausstellt. Der BBC-Artikel, aus dem ich diese Info hatte, scheint da sehr stark zu verharmlosen..

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