Die Farce der Nürnberger Prozesse

Das Leid, welches die NS-Besatzer Griechenland zugeführt haben, war immens. Ich habe im Rahmen einer Universitätsprüfung vor ca. zwei Jahren einen Aufsatz über das Thema geschrieben. Ich fing an zu schreiben und legte den Kugelschreiber erst ca. zehn Seiten später ab. In diesen 1,5 Stunden konnte ich mich voll „auslassen“ und habe mein ganzes Wissen, das ich in den Monaten zuvor erlangt habe, aufs Papier gebracht. Heraus kam ein Aufsatz über unbeschreibliches Grauen, welchen mir das Prüfungssekretariat leider verbietet als Kopie mit nach Hause zu nehmen. Ich erinnere mich grob an die Themen: Judendeportation, fast vollständige Dezimierung der jüdischen Gemeinde Thessalonikis, bewusste Herbeiführung einer mehrjährigen Hungerkatastrophe für die griechische Bevölkerung, Raub der Infrastruktur (z.B. Eisenbahnschienen etc.), Hyperinflation, Massaker an der Bevölkerung ganzer Dörfer…

Für die Aufarbeitung der NS-Zeit in Griechenland ist unter anderem die Südosteuropa-Gesellschaft zuständig. Ich habe aus meinen alten Unterlagen einen Text hervorgekramt, der sich, herausgegeben von ihr selber, mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt. Eine Online-Ausgabe habe ich auch gefunden. Da wissenschaftliche Texte nicht einfach zu lesen sind, werde ich in Folgendem einige kommentierte Passagen daraus wiedergeben, und dabei auf einen mir wichtigen Aspekt hinweisen: den Umgang deutscher Behörden mit Kriegsverbrechern, die Griechenland dieses ungeheuerliche Grauen zugefügt haben. Trotzdem lade ich dazu ein, bei Interesse den Text komplett zu lesen, der hier zu finden ist: http://www.sogde.org/wp-content/uploads/2015/05/sog_geschichte_fleischer.pdf

Als zukünftiger Geschichtslehrer wird es meine Aufgabe sein, den Kindern etwas über die Aufarbeitung der NS-Zeit beizubringen. Ich selbst erinnere mich grob an den spärlichen Geschichtsunterricht, der mir damals zuteilwurde. Zentrale Aussage: Die Nürnberger Prozesse haben für Gerechtigkeit gesorgt. Dass dies nicht stimmt, wird dieser Beitrag zeigen.

Die Südosteuropa‐Gesellschaft (SOEG) wurde 1940 vom damaligen NSDAPAußenminister Ribbentrop gegründet. 1952 hat es eine Neugründung, wobei man aufgrund der „personellen Kontinuitäten“ , wie es im Text heißt, eher von einer „Wiederbegründung“ sprechen kann, gegeben. Die SOEG war demnach ein Sammelsurium ehemeliger Altnazis. Schauen wir uns ein Beispiel an, an dem man diese „personelle Kontinuität“ sehen kann:

Eines  der  wichtigsten  Bindeglieder  zwischen  “alter”  und  “neuer”  Südost ‐ Forschung  war  – neben dem allgegenwärtigen Fritz  Valjavec  – der diachronische „PR ‐ Papst“ Franz Ronneberger, auf den ich näher eingehe, da der 1913 geborene Jung ‐ Nazi in Rekordzeit zum Exponenten der „politischen und akademischen Elite“ des NS ‐ Regimes für den hier interessierenden  geographischen Raum aufgestiegen war. Bereits 1937 wurde er Leiter der Außenstelle Süd-ost der Reichstudentenführung, hinzu kamen wichtige, z.T. extra für den hochgeschätzten  Regionalexperten geschaffene Positionen im Machtkomplex SS ‐ SD ‐ RSHA. So wurde Ronneberger im März 1939 Chef einer nach ihm benannten Dienststelle zur Erforschung des süd‐ osteuropäischen  Pressewesens  und  deren  aktuellen  Beeinflussung,  was  den  Aufbau  eines  Netzwerkes regionaler Verbindungsleute einschloss. Die von  Ronneberger im Auftrag der  SOEG herausgegebenen “Vertraulichen  Wirtschaftsnachrichten“  waren “Dokumente der nationalsozialistischen Eroberungs ‐ , Ausbeutungs ‐ und Vernichtungspolitik auf dem Balkan und  bildeten gleichzeitig deren informationelle Grundlage”. Parallel publizierte er regelmäßig im  “Völkischen Beobachter“ sowie in Fachzeitschriften. Dabei forderte er u.a. nachdrücklich die  “radikale Lösung der Judenfrage”, d.h. die “Ausmerzung des jüdisch ‐ kapitalistischen Geistes”  sowie, darüber hinaus, ganz allgemein “des Judentums aus dem Volkskörper” auch der süd‐ osteuropäischen  Staaten.  Diesbezüglich lieferte  Ronneberger direkt  bzw.  indirekt  statistisches Material an SD ‐ Stellen. 1944 habilitierte sich der 31 ‐ Jährige in Wien mit einer (nicht  mehr  publizierten)  Arbeit  mit  dem  in  unserem  Kontext  vielversprechenden  Titel  „Wege  staatswissenschaftlicher For schung in Südosteuropa“. “

Bei Anfragen zur Vorgeschichte der neugegründeten SOEG bekam der Autor Fleischauer abweisende Reaktionen. Bei weiteren Instituten die im Text genannt werden verhielt es sich ähnlich. Wenn nun also Altnazis die Aufgabe zuteilwird, sich mit der deutschen Griechenlandgeschichte zu befassen, ist es nicht ganz unproblematisch, oder sagen wirs direkt: Es ist extrem problematisch. Es handelt sich um Personen, die offiziell „denazifiziert“ wurden, doch Teil der Zerstörung Griechenlands waren. Werfen wir daher noch einen Blick auf die im Text genannten Folgen der Nazis in Griechenland:

Als dann am 12. Oktober 1944 die Wehrmacht angesichts der sich verschärfenden gesamtstrategischen Lage aus Athen abziehen musste, legte eine Ehrenkompanie am Grabmal des  Unbekannten Soldaten einen Kranz nieder, um „zu bekunden, dass die Deutschen nicht als  Feinde Griechenlands das Land betreten“ hätten. Verdrängt wurde die Erinnerung an Zehntausende zivile Opfer des Repressalterrors, an die 60.000 jüdischen Opfer des rassistischen  Genozids. Weit  über  100.000  Menschen  krepierten  elendiglich  an  Hunger,  die  Geburtenrate  stürzte  ins  Bodenlose.  Jeder  dritte  Grieche  litt  an  epidemischen  Infektionskrankheiten (Malaria, Tuberkulose, Typhus, etc.); in manchen Regionen waren 60 ‐ 70 % betroffen,  insbesondere Kinder. Kaum zu berechnen sind die Verluste durch die Hyperinflation sowie  die  deutsche  Zerstörung  der  Infrastruktur  als  Folge  raubwirtschaftlicher  Ausbeutung  (Bergwerke,  Wälder,  etc.)  und  systematischer  Vernichtung  bei  Sühnemaßnahmen  oder  während  des  Abzuges:  Die  meisten  Eisenbahnbrücken  gesprengt,  weit  über  80  %  des  rollenden Materials ruiniert oder entführt; 73 % der Handelstonnage versenkt, fast 200.000  Häuser total oder zum Teil zerstört.“

Bezüglich der Aufarbeitung haben Behörden der BRD nach dem Krieg es geschafft, für folgende Tendenz zu sorgen:  „Etappenweise  übertrugen  die  griechischen  Regierungen sogar den Rechtsanspruch zur Verfolgung deutscher Kriegsverbrecher der Bundesrepublik.

Und daran arbeitete das Auswärtige Amt äußerst hart: „Die Ende 1950 in Athen wieder eingerichtete deutsche Gesandtschaft war sogleich „mit großem Nachdruck bemüht …, das gesamte Gebiet der sogenannten Kriegsverbrecherverfahren  zu bereinigen”, denn Bonn drang auf eine „generelle, schnelle und möglichst geräuschlose  Bereinigung“, „Liquidierung“ oder gar „Endlösung“ [sic] des Gesamtkomplexes. So kam es  1952 zu Besprechungen mit einer griechischen Delegation: Diese übergab dem Bundesjustizministerium  Strafverfolgungsersuche  gegen  210  Beschuldigte  in  den  schwersten  Fällen  und schlug für den „im gemeinsamen Interesse“ liegenden „Schlussstrich“ ein “unauffälliges”  Verfahren vor. Danach könne die griechische Regierung auch die restlichen schweren Kriegsverbrechen in die Zuständigkeit der BRD überstellen, die leichteren Fälle selbst amnestieren.  Trotz dieser Zugeständnisse äußerte das Auswärtige Amt (AA) „sehr erhebliche Bedenken“,  da  „selbst  nur  formal  durchgeführte  Ermittlungen  die  deutschen  Justizbehörden  aufs  schwerste belasten müssten“. Stattdessen solle Athen eine geheime Generalamnestie erlassen, aber selbst diese wäre „bei der händlerischen Einstellung der Griechen … an die … Gewährung von Gegenvorteilen geknüpft“! Das Justizministerium lehnte jede Strafverfolgung  der vor „mehr als 10 Jahren … angeblich begangenen Verbrechen“ ab: „äußerstenfalls “könne man die Vorgänge einlagern: Schließlich sei es „gleichgültig, … ob nun 100 oder 500  Akten  in einem Aktenschrank verwahrt würden“. Die zuständigen Ressorts erwogen, Athen einen  Strafverzicht für griechische Verbrechen gegen die deutsche Besatzungsmacht anzubieten,  d.h. man wollte Besatzungsterror gegen Aktionen des Widerstands aufrechnen!„“

Schauen wir uns ein Beispiel an, was aus diesen Verhandlungen rauskam, anhand von Max Mertens. Die Verhaftung Max Merten im April 1957 löste in deutschen Behörden und beim ehemaligen Bundespräsidenten nicht etwa Freude aus, sondern Empörung:
In einer Ressortkonferenz forderte Staatssekretär Karl Carstens (der spätere Bundespräsident): Sollten sich die  Hellenen weiterhin störrisch erweisen, „dürfte es notwendig sein, gegenüber Griechenland  Repressalien [sic] vorzunehmen“  – etwa in Form einer öffentlichen Warnung vor der Einreise, die ernste Konsequenzen für den Tourismus hätte. Währenddessen schlug Merten vor,  seinen Kriegskameraden aus Saloniki, Rudolf Vogel als Zeugen für seine Verteidigung zu laden. “ „
Max Merten war übrigens ein Kriegsverbrecher höchsten Grades und hat zu oben geschildertem Leid Griechenlands maßgeblich beigetragen. Als die SS Anfang 1944 nach Thessaloniki  kam, hat Merten an Seite von Alois Brunner und Dieter Wisliceny den Massenmord an den Juden  durchführen lassen.
Weiter ist zu lesen: „Zwar wurde Merten 1959 zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt, doch bereits wenige Monate  später auf schärfsten Bonner Druck in die Bundesrepublik abgeschoben. Zuvor hatte Griechenland durch zwei deutscherseits initiierte, umstrittene Sondergesetze seinen Strafverfolgungsanspruch  dem  Land  der  Täter  übertragen.  Bemerkenswert  ist,  dass  alle  involvierten  griechischen  Institutionen  in  großdeutschen  Kriterien  dachten,  denn  unter  den  aus  den  Fahndungslisten gestrichenen deutschen Kriegsverbrechern ist auch Alois Brunner, maßgeblich beteiligt an der Deportation von 50.000 aus Saloniki deportierten Juden. Doch der Eichmann ‐ Komplize war Österreicher, fiel also nicht unter die 1959 von Bonn abgepresste „Endlösung“. Was die Bundesrepublik mit ihrem Strafverfolgungsauftrag anfing, überraschte kaum: Nach elf Tagen Untersuchungshaft wurde Merten entlassen, nach sieben Jahren das Ermittlungsverfahren gegen ihn eingestellt und er erhielt sogar eine Entschädigung für die Haft in Athen.  Auch alle anderen Untersuchungen „wegen angeblicher Kriegsverbrechen“ wurden „abgeschlossen“. „Abschluss“ bedeutete Einstellung. Wortlaut und Geist der Einstellungsbeschlüse waren oft verräterisch und nur als „Täterschutz“ zu erklären. Kein Deutscher wurde wegen an Griechen begangenen Kriegsverbrechen von einem bundesdeutschen Gericht verurteilt.

Stattdessen ist man dazu übergegangen, die deutschen Gräueltaten zu rechtfertigen: „Das Nürnberger Militärtribunal hatte sich nicht entschließen können, Geiselexekutionen a priori als verbrecherisch zu verurteilen; alle „exzessiven“ Aktionen aber mit scharfen Worten  als Mord gegeißelt. Hingegen war die deutsche Justiz anderer Ansicht. So stellte die Staatsanwaltschaft Bochum die Ermittlungen zu Kalávryta mit der Begründung ein: „In dieser Situation waren Repressalien notwendig [sic] und auch zulässige völkerrechtsmäßige Mittel, die  Gegner, die Partisanen, zur Einhaltung des Völkerrechts zu zwingen.“ Ähnlich argumentierte die Bundesrepublik Deutschland noch Jahrzehnte  – im Bestreben, griechische Entschädigungsforderungen abzublocken.“

 

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5 Antworten zu Die Farce der Nürnberger Prozesse

  1. sascha313 schreibt:

    Der Nürnberger Prozeß war bei weitem keine Farce, sondern ein erzwungener internationaler Prozeß, was es bisher noch nie gegeben hatte:
    https://sascha313.wordpress.com/2015/12/06/warum-ist-das-urteil-von-nuernberg-immer-noch-gueltig/

    Siehe auch: https://sascha313.wordpress.com/2016/07/10/brd-1959-alte-nazis-neue-uniformen/

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    • karolwojci schreibt:

      Der Nürnberger Prozeß selbst und auch Institutionen wie der Internationale Gerichtshof in Den Haag, eine Folge von Nürnberg, sind keine Farce sondern ganz im Gegenteil. Eine Farce allerdings ist die große Lücke, in der die Prinzipien angewandt wurden und werden. Diese Lücke wird in deinem verlinkten Artikel (Alte Nazis, neue Uniformen) sehr gut gezeigt. Dort steht auch geschrieben, dass sich diese Liste erweitern lässt und in der Tat, damit kann man eine Bibliothek füllen. Dieser Artikel zeigt es am Beispiel Griechenland, weitere Beispiele die mir spontan in den Sinn kommen: deutsche Geheimdienste (Gehlen -> BND), deutsche Botschaften („Cologna Dignidad“), Industrie (z.B. Nazigoldwäsche nach dem Krieg in Südamerika), zeigen nur einen kleinen Ausschnitt, einen wirklich kleinen, davon, dass die Behandlung von Kriegsverbrechern ein Witz und politisch selektiv sind, die Nürnberger Prozeße rein quantitativ zur bloßen symbolischen Gerichtsverfahren degradierend… Demnach hast du Recht, die Überschrift sollte eigentlich: „Die Farce um die Nürnberger Prozeße“ statt „der“ Prozeße heissen. Danke für deine Artikel, ich werde den zweiten in meine „Sammlung“ von ungesühnten Kriegsverbrechen aufnehmen.

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  2. brandy99 schreibt:

    Dass die deutsche Justiz auf diesem Auge blind war hat sich leider über Jahre hinaus bewiesen. Und das Vorgehen unserer Regierungen hat sich in dieser Frage nie geändert.

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  3. karolwojci schreibt:

    Traurigerweise kommt hinzu, dass das blinde Auge stehts das rechte war und ist, wenn man sich anschaut, was für Konsorten für das Aufstellen der „Gladio“-Truppen rekrutiert wurden: In der Regel das was vom faschistischen Europa nach 1945 alles so übrig blieb. Fest steht, dass man sich als Faschist in Europa nie Sorgen um Arbeitslosigkeit machen musste…

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    • karolwojci schreibt:

      Passend, dass der Kommentar fast auf der Höhe dieses Buches ————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————->>>>>>>
      liegt 🙂

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