Auftrags“selbst“mord in der Ukraine- Teil 2

(die Quellennachweise werden im letzten Teil der Serie gebündelt nachgereicht, weil ich den Artikel vor längerer Zeit angefangen und versäumt habe für Ordnung zu sorgen. In nachfolgendem Artikel überwiegend nur Querverweise zu weiteren Grübelstübchen-Texten)

Sterben… und sterben lassen“ – So oder ähnlich heißt es im Volksmund

Wo in den letzten Jahren viel gestorben wurde, und nach wie vor wird, ist die Ukraine. Das Land, welches vor fast drei Jahren die „Demokratie“ bekam, als Junge und Alte, Männner und Frauen, die ganze Bandbreite der ukrainischen Bevölkerung, sich auf dem „Maidan“ für den zivilisatorischen Fortschritt einsetzte. So zumindest das medial projizierte Bild in den westlichen Medien. Wie sich schon währenddessen jenseits der Röhre andeutete, aber nach und nach immer weiter erhärtete,  handelte es sich weniger um Demokratie und Fortschritt, als um einen mit großer Wahrscheinlichkeit von den USA angeschobenen wenn nicht gar durchgeführten Putsch, welcher dem Land nur eine neue korrupte Oligarchenschicht und eine Wiederbelebung des radikalen Nationalismus und Faschismus, und das mitten in Europa, einbrachte. Der Grundton in der deutschen Medienlandschaft trotzdem: das Land trieb in den Fortschritt.

Wer starb? Das haben wir im ersten Teil der Serie erfahren (siehe „Auftrags“selbst“mord in der Ukraine- Teil 1“ ). Ihre Vornamen waren Valentina und Olga, Sergej, Stanislaw und Alexej… Ein misslungenes Attentat, zehn tote Politiker der Partei der Regionen, fünf tote Medienschaffende, welche von den Behörden auffallend häufig mit Selbstmord diagnostiziert wurden. Der zweite Teil der Serie versucht den zweiten Teil des Ausspruchs, nämlich „sterben lassen“ , zu beantworten: „Wer lies sterben?“ . Was weis man über diese ungeklärte Mordserie in der Ukraine? Wer lies Morde als Selbstmorde aussehen, wer ist für diesen Auftrags“selbst“mord verantwortlich? In einer kleinen Reportage rollen wir die Sache von hinten auf.

Ungeklärte Morde in der Ukraine – Etwas Neues?

Das es in der Ukraine „hin und wieder mal“ zu ungeklärten Toden kommt ist nicht neu. Der mysteriöse Tod Jewgenij Kuschnarjows bei einem Jagdunfall im Jahr 2007 sowie der angebliche Freitod des ehemaligen Innenministers Leonid Krawtschenkos im Jahr 2005 bilden beispielhafte, nicht aufgeklärte Todesfälle. Die im ersten Teil dieser Artikelserie genannten Morde zählen nur diejenigen, welche nach dem Putsch in der Ukraine durch das sogenannte „Kabinett Jazenjuk“ im Februar 2014, unter mysteriösen Umständen ums Leben kamen.

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Der Tag der alles veränderte. Am 20.02.2014 schossen Scharfschützen auf dem Kiewer Maidan auf Demonstranten. Der Tag gilt als entscheidend für den „Regime Change“. Trauer zum Jahrestag. Quelle: AP, über Welt. http://www.welt.de/politik/article137679769/Das-Maidan-Blutbad-bleibt-noch-immer-raetselhaft.html

Würde man auch die ungeklärten Mordfälle während des Putsches zählen, wäre die Liste wesentlich länger und undurchschaubarer. Während meiner schon länger zurückliegenden Recherchen zählte ich eine Reihe solcher Todesfälle, denen nicht mal mehr mediale Präsenz eingeräumt wurde als in einer Aufzählung in einem „Ticker“, versteckt zwischen zahlreichen anderen Meldungen des Tages – ausgelöschte Menschenleben im Namen der „Demokratie“ , die nur mit einem Satz erwähnt wurden. In der Ukraine wurden politische Morde zum Alltag. Die Opfer: im Weg stehende Oppositionelle.

Ein ukrainischer Hitman-Thriller – Wie viele hat es tatsächlich erwischt?

Vermutlich liegt die Zahl der im politischen Zusammenhang ermordeten Menschen weitaus höher als zu uns durchgesickert ist. Leider liegt ihre Aufklärung in den Händen von Leuten, die im Zuge des Umsturzes mit einem Regierungsposten belohnt wurden und eine dementsprechend  miserable Transparenz an den Tag legen, drohe doch die Gefahr sonst an dem Ast unter seinen eigenen Füßen zu sägen. Die Bemühungen ukrainischer Behörden die Aufklärung der „Todesschützen auf dem Maidan“ oder dem Gewerkschaftshaus in Odessa (siehe dazu den Grübelstübchen-Artikel: „Das Massaker von Odessa“ ) zu verschleiern, sind dafür bezeichnend. In ukrainischen Gerichten herrscht das Prinzip „eine Hand wäscht die andere“ , so der ehemalige stellvertretende Generalstaatsanwalt Witalij Kasko bei seinem Rücktritt: eine Reformierung werde verhindert und sei unmöglich.

Über die Qualität dieser Untersuchungen sollte man sich deshalb nichts vor machen- selbst wenn diese stets mit einer wohlklingenden „intensiven Untersuchung“ angekündigt, so das Versprechen der Polizeibeamten und Poroshenkos, daherkommen.

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Am 02.05.2014 kam es in der ostukrainischen Stadt Odessa zu gewaltsamen Ausschreitungen und einem Brand des Gewerkschaftshauses in dessen Folge mindesten 48 Menschen starben. Die genauen Umstände sind bis heute ungeklärt. Quelle: Spiegel. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-tote-bei-feuer-in-odessa-nach-brandstiftung-a-967340.html

Es ist nicht auszuschließen, dass der eine oder andere in der Liste nicht aus politischen, sondern aus anderen Gründen ermordet wurde: aus finanziellen, eingeholt von der kriminellen Vergangenheit, sich tatsächlich selbst umgebracht – gegen einige der Toten liefen Strafverfahren – oder durch einen Unfall dahingeschieden… Hier befinden wir uns jedoch auf der Ebene von Spekulationen. Dass alle aufgrund solcher Todesursachen dahinschieden sind, ist jedoch ausgeschlossen und es kriminaltechnisch nur logisch, diese Morde zusammenhängend zu untersuchen.

Nichts desto trotz war die Mathematik die durch die Medien an den Tag gelegt wurde an Lächerlichkeit kaum zu überbieten: Während ein kleiner Blog wie das Grübelstübchen sechszehn Tote mit ähnlichen (kriminalgerichtlichen) Profilen ausmacht, schaffen es andere sich selbst Leitmedien nennende Blätter die Zahl so tief zu drücken, dass man sie an einer Hand abzählen kann. Werfen wir daher einen kurzen Blick darauf, wie die deutsche Presselandschaft über die Sache berichtete.

Welche Infos über die Mordserie erreichten den deutschen Zeitungsleser über die Qualitätspresse?

Viele Medienberichte übernahmen die Einschätzungen der ukrainischen Behörden, welche zahlreichen dieser Todesfälle „Selbstmord“ attestierten.  Diesen deutsch- und englischsprachigen Jornalisten erschien es nicht als merkwürdig, dass sich jemand beim Selbstmord angeblich die Waffe von hinten ans Genick hielt und abdrückte.

Auch die Frage nach den Tätern wurde nur mangelhaft gestellt. Dabei könnte allein folgendes Gedankenspiel helfen: Die AfD stürzt in einem mit ausländischer Unterstützung durchgeführten Putsch die CDU und die SPD. In den folgenden Tagen sterben nicht nur Hans, Werner und Susi aus dem Innenministerium und Reiner und Robert aus dem regionalen Landtag, sondern auch Journalisten, die eine kritische Haltung der frisch geputschten AfD gegenüber einnehmen. Mit diesem Muster sterben in weniger als einem Jahr mindestens 16 Menschen.

Die Medien berichteten zwar über die Mordserie, aber in einer stark fragmentierten Form und nur innerhalb eines kurzen Zeitfensters- die Fragmentierung bekommen wir im weiteren Verlauf der Artikelserie noch häufiger zu sehen. Sie geht einmal mehr so weit, dass sie nur mit mangelnder Kompetenz, Zeitmangel oder bewusster Unterschlagung erklärt werden kann, insbesondere im Vergleich dazu, wenn beispielsweise ein russischer Oppositioneller umgebracht würde.

So berichtete der Spiegel beispielsweise von der Festnahme zweier Verdächtigter im Mordfall von Busina. Als die Jungs wenig später auf Kaution freigelassen wurden, hat der Spiegel von einer weiteren Berichterstattung schlichtweg abgesehen. Dabei wurde die Kaution von einem der reichsten ukrainischen Oligarchen gestellt und die Verdächtigten während der Freilassung von dem Rechten Sektor, dem militanten Flügel des Putsches,  als Helden bejubelt. Diese brisanten Details aufzuführen gehört zur journalistischen Pflicht, deuten sie doch eine Verflechtung zwischen dem wieder erstarkten ukrainischem Fascho-Nationalismus und der reichen Elite des Landes an.

Gute Slawen, schlechte Slawen – Putinkritiker und der mindere Rest

Beim Tod des russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzow wurde wochenlang täglich in der Tagesschau und in sämtlichen Nachrichtenformaten die Frage gestellt: „Entledigt Putin sich nun seiner Kritiker?“ . Bei der Hinrichtung eines Ukrainers nach dem anderen reichen pro Nachrichtenblatt hingegen ein oder zwei schwammige Artikel, welche nicht mehr Information enthalten, als dass irgendwelche Ukrainer der Partei der Regionen irgendwie starben und irgendwas da nicht ganz koscher war. Im Gegensatz zur Ermordung des russischen Nemzows bleibt eine weltweite Empörung bei dem ukrainischen Hitman-Thriller aus. Das Äquivalent zu der Frage: Entledigt sich die ukrainische Regierung nun ihrer Kritiker?“ wurde nicht im Entferntesten gestellt.  

Während bei der Ermordung Nemzows alle Finger westlicher Würdenträger auf Putin zeigten, hielt man sich mit derartigen Mutmaßungen bei der frisch geputschten ukrainischen Regierung zurück. Ein angeblicher „Druck seitens der EU, den USA und der OSZE, die Morde aufzuklären und die Hintermänner zu finden“ ist heute, hat es sich denn jemals um wirklichen „Druck“ gehandelt, nicht mehr zu vernehmen. Der üblicherweise reflexartig aufkommende Schrei nach Sanktionen blieb beim Mord an diesen – politisch nicht gleichgesinnten und somit auch Nicht-VIPs – slawischen Nachbarn aus. Einmal mehr entpuppte sich die Anteilnahme des Westens an dem „Putinkritiker“ Nemzow, in Anbetracht des mangelnden Interesses an den toten Ukrainern, als Heuchelei, die Anteilnehme als rein politisch motiviert.

Zurecht machte die russische Außenministerin Maria Zakharova darauf aufmerksam, dass der ukrainische Fall den Politikern in der EU am Arsch vorbei geht: „It is scary because none of the leaders in the EU will take notice that, day after day politicians are being killed in Ukraine.“  „Let’s try and find at least 20 tweets of foreign ministers of Estonia, Lithuania, Latvia, Poland, Sweden, the UK, Canada, USA, and Australia, representatives of the OSCE, EU and NATO expressing concern over the killing of Ukrainian politician and condemning the situation in Ukraine.“

Boris Nemzow – am 27. Februar 2015 im Zentrum Moskaus erschossen. Bildquelle: http://www.huffingtonpost.de/2015/03/01/interview-nemzow-merkel-p_n_6778656.html

Die Suche nach den Schuldigen

Im Zuge der allgemeinen Ratlosigkeit nach dem Mord an Busina kann man sich bildlich ungefähr folgendes Szenario vorstellen: Zahlreiche ukrainische und russische Politiker stehen in einem Kreis, in dem alle quer durcheinander die Finger aufeinander zeigen. Selbstredend gab es auf ukrainischer Seite kurz nach dem Mord an Kalashnikow und Busina zahlreiche Beschuldigungen der russischen Regierung: eine „bewusste Provokation“ (Poroschenko) , „sakrale Opfer des Kremls“ (Luzenko), „die lange Hand Moskaus, die die Ukraine weiter destabilisieren und gleichzeitig Nemzows Tod in den Hintergrund schieben will“ (Karasjow), ein „rituelles Opfer auf dem Altar der russischen Propaganda“ und zur Diskreditierung der Ukraine in Europa (Fessenko). Einige ukrainische Blogger spinnten die These, es handle sich um eine Ablenkung der russischen Regierung von Nemzows Mord. Der Tenor einiger ukrainischer Regierungspolitiker: die Toten ernteten nur was sie säten. Dazu ein beispielhafter Satz eines ukrainischen Politikers über einen Toten: „ein Stück Scheiße weniger“ .

Auch an Vorwürfen in die andere Richtung mangelte es nicht: der „Beginn der politischen Säuberungen in der Ukraine“ (Marija Sacharowa), ein „politischer Mord“ (Putin kurz nach dem Mord an Busina). Auch Politiker der Partei der Regionen selbst- also die die noch am Leben sind- kamen zu Wort: eine „Hexenjagd“ gegen „uns„. Der ehemalige Ministerpräsident Mykola Azarov, also der „Weggeputschte“ , zieht noch westliche Politiker mit ins Boot: sie seien wegen ihrer Unterstützung für die Ukraine für die politischen Morde gegen die Opposition mitverantwortlich.

In unserem imaginärem Kreis stehen sich also Ukrainer und Russen gegenüber und ein paar Westler ein wenig ausserhalb. Politiker aus Ländern, in denen der Mord an Oppositionspolitikern gängige Praxis ist, wobei man vor politischen Morden eigentlich in keinem Land so wirklich gefeit ist. Während es in der Ukraine innerhalb von drei Monaten mindestens zehn Oppositionspolitiker traf, lassen sich auch in Russland seit der Jahrtausendwende zahlreiche ungeklärte Mordfälle an Oppositionspolitikern und Journalisten aufzählen.

Jeder im Kreis kriegt seinen Zeigefinger ab. Damals wie heute ist es nicht möglich zu sagen wer oder was hinter der Mordserie steckt. Ein absolutes wirr warr.

Doch dann folgte das Bekennerschreiben der UPA und brachte Licht ins Spiel

… oder auch nicht?!

UPA? Wer oder was zum Henker ist die UPA?

Nach den Morden an Busina und Kalaschnikow tauchte ein Bekennerschreiben der UPA auf. Voller Name: Ukrainische Aufständische Armee, eine viel sagende Namenswahl – eine gleichnamige Organisation massakrierte im zweiten Weltkrieg Polen und Juden im großen Stil. Geführt wurde die Vereinigung damals von Stepan Bandera, auch heute noch von ukrainischen Rechtsnationalisten als Held verehrt und seit dem 9. April 2015  in der Ukraine per Gesetz  als Held anerkannt, nach Einbringung zur Abstimmung durch Yurii Shukhevych, dem Sohn eines ehemaligen UPA-Kommandeurs.

In dem Bekennerschreiben wird mit der „vollständigen Ausrottung“ der Feinde der Ukraine gedroht und unter anderen die Verantwortung für die Morde an Busina, Moroz, Kalaschnikow, Suchobok, Tschtschow, und Melnik übernommen. Es entkräftete somit die Angaben ukrainischer Behörden, es hätte sich um Selbstmord gehandelt, was auch die letzte Spekulation ausmerzen sollte, dass sich Ukrainer bevorzugt von hinten selbst in den Kopf schießen.

Während kurz nach Erscheinen der Bekennerbriefe einige ukrainische Politiker noch von einer Fälschung ausgingen, kann man sie heute durchaus als authentisch bezeichnen. So wusste die Gruppe, dass Kalaschnikow mit Munition des Kalibers 7.65 х 17 und 9 x 18 erschossen wurde und vor seinem Tod noch selbst einen Schuss abgab. Informationen, welche zu diesem Zeitpunkt nicht öffentlich zugänglich waren. Die ukrainischen Nationalisten schienen ihren Worten nach gerade erst warm zu laufen: In dem Schreiben kündigten sie einen gnadenlosen aufständischen Kampf gegen das antiukrainische Regime der Verräter und Moskauer Speichellecker an.

Mit dem Bekenntnis der UPA wurde der Fall jedoch bei weitem nicht aufgeklärt. Erstens kann man sich zu vielem bekennen wenn der Tag lang ist, die Insiderinformation hätte auch anders durchsickern können. Zweitens, wenn es dann die UPA war, ist damit nicht gesagt wer die Fäden hinter der Organisation zieht. Ganz im Gegenteil: Das Schreiben brachte neue Fragen auf. Während parallel dazu die Frage nach dem cui bono, wer profitiert, auf ganz klassische Art und Weise auf das Offensichtliche hinzudeuten schien – die neuen Machthaber können sich mit dem Abschlachten ehemaliger Regierungsleute ganz gut anfreunden.

Wer davon profitiert, dass der neuen Regierung im Weg stehende Oppositionelle wie Fliegen aus dem Weg geräumt werden, sollte eine im Internet erschienene „Schwarze Liste“ zeigen, welche sich als nichts weniger als eine Todes- bzw. Abschussliste lesen lässt. Und in diesem Zusammenhang ergeben sich neue Spuren.

Spuren, welche ins ukrainische Innenministerium führen…
(Fortsetzung folgt für Geduldige)

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