Auch die Bombardierung Mossuls ist Terror

Facebook-Post von Jürgen Todenhöfer vom 23.10.2016. Quelle: Facebook

AUCH DIE BOMBARDIERUNG MOSULS IST TERROR.

Liebe Freunde, ich schreibe diesen Text voll Zorn und Scham. Fast täglich regnet es Bomben auf Mosul. 15.000 Zivilisten wurden in der Region bereits durch Luftangriffe der US-Koalition getötet. Die Welt aber schweigt. Die USA töten heimlich. Und leise. Wo sind die Politiker, die sich diesem Bomben-Terror entgegen stellen und schreien: „Mosul darf nicht sterben!“

Jetzt planen die USA das blutige Finale. Sie wollen die 5.000 IS-Terroristen, die sich noch in Mosul verbergen, mit 90.000 schiitischen, kurdischen, türkischen und ein paar tausend bestochenen arabisch-sunnitischen Kämpfern angreifen. Unterstützt von 6.500 US-Spezialeinheiten. Parallel wird eine von den USA geführte 60-Staaten-Koalition die Millionenstadt Mosul im Minutentakt bombardieren. 80% der Bombardements führen die USA selbst durch. Den Rest koordinieren sie. Das Kräfteverhältnis zum IS beträgt 100:1, vielleicht 1000:1!

Zehntausende unschuldige Einwohner Mosuls werden sterben. Wichtige Infrastruktur-Einrichtungen Mosuls wurden bereits durch Bomben der US-geführten Koalition zerstört. Die Elektrizitäts- und Wasserversorgung, Schulen, die Universität, mehrere Krankenhäuser. Auch das deutsche Krankenhaus. Niemand protestiert. Im Gegenteil: Wir machen im Hintergrund mit.

Seit der US-Invasion 2003 macht das Glück um die irakischen Sunniten einen großen Bogen. Schon in Tikrit, Ramadi und Falludscha hinterließen die USA eine breite Blutspur. Seit August 2014 tötete die US-geführte Koalition mit ihren Bomben auf sunnitisch-irakische Städte (einschließlich Mosul) 50.000 Zivilisten. Verbündete Bodentruppen töteten weitere 15.000 Zivilpersonen. Der Bombenkrieg der USA gegen irakische Städte ist ein Verbrechen und eine Schande.

Doch anders als in Syrien, wo die russische Luftwaffe den Tod von 5-10.000 Zivilisten zu verantworten hat, gibt es keinen Aufschrei unserer Politiker und Medien. Auch das ist eine Schande.

Wer, wie fast alle unsere Politiker, von der ‚Befreiung‘ Mosuls spricht, lügt. Die sunnitischen Städte im Irak werden nicht befreit, sondern zerstört. In Schutt und Asche gelegt. Die geflohenen Einwohner verlieren alles. Hab und Gut, oft ihre Familien, alles. Und niemand im Westen protestiert. Sind wir Vasallen, Knechte der USA oder ein stolzes, freies Land?

Ich habe Mosul zwei Mal besucht. Einmal 2003, wenige Wochen vor der amerikanischen Invasion, einmal unter der Diktatur des IS. Es waren erschütternde Tage. In Mosul leben wunderbare Menschen. Menschen wie Du und ich. Aber in furchtbarem Leid: Sie mussten die mörderischen Sanktionen Clintons erdulden, den Krieg Bushs, den Terror des IS und jetzt die ‚Freiheitsbomben‘ Obamas. Doch wer weint schon um Mosul, wer um sunnitische Iraker? Jeden Tag denke ich an die Menschen von Mosul.

„Herr Obama, würden Sie auch die amerikanischen Städte Philadelphia oder Phoenix in Schutt und Asche legen, wenn sich dort 5.000 Terroristen verstecken würden? Oder München oder Hamburg?

Ja, auch die Mörder des IS töten im Irak. Bis heute 10.000 Menschen – Kämpfer und Zivilisten. Wir müssen den Terror des IS in der Tat bekämpfen. Aber mit klügeren Strategien. Bisher haben die USA mit ihrer Bombardierungsstrategie keine 10.000 IS-Terroristen ausschalten können. Alle anderen Zahlen sind Fantasieprodukte. Stattdessen hat die US-geführte Bomber-Koalition 50.000 Zivilisten getötet. Wie bei all Ihren Kriegen töten die US-Bomben die Falschen. Und züchten dadurch neuen Terror.

Die meisten IS-Terroristen, die sich während Ihres Bombenkriegs noch in den Städten aufhielten, konnten entkommen. Zusammen mit Flüchtlingen oder durch Tunnel oder durch Bestechung. Trotzdem sprechen Sie von großen Erfolgen. Was für ein Zynismus: Die sunnitischen Städte liegen in Trümmern, zehntausende Zivilisten sind tot, der IS ist weitgehend entkommen. Doch Sie sprechen von Sieg und Befreiung. Perversion des Denkens!

Die geflohenen IS-Terroristen kämpfen längst an anderen Orten weiter. In diesen Tagen zum Beispiel in Kirkuk. Oder sie sind in den Untergrund abgetaucht. Nachdem der IS zunehmend sein ‚Staatsgebiet‘ verliert, ist er zu seiner früheren Guerilla-und Terrortaktik zurückgekehrt. Sein mörderischer Kampf aber geht weiter. Ohne Staatsgebiet und ohne die Last der Verwaltung der Städte könnte der IS noch unberechenbarer werden als bisher.

Von einem Sieg über den IS kann jedenfalls keine Rede sein. Der sunnitische Irak stirbt. Aber der Terror lebt. Es ist Volksverdummung, etwas Anderes zu behaupten.

Die Zahl der Terroristen im Irak hat sich sogar erhöht. Das ist nicht überraschend. In manchen der total zerstörten sunnitischen Städte haben junge Leute, die alles verloren haben, dem IS Treue geschworen. Oder anderen Terrororganisationen. Aus Verzweiflung. Zum Beispiel In Ramadi, das ich gut kenne.

Nicht wenige IS-Terroristen werden sich demnächst nach Europa aufmachen. Auch nach Deutschland. Und in andere Regionen der Welt. Um Rache zu nehmen. Wir werden die amerikanische Bombenstrategie mit Jahrzehnten des Terrorismus bezahlen. Die USA haben nichts dazu gelernt.

Es hätte Strategien gegeben, den IS ohne Bombenterror zu besiegen. Dem Weißen Haus liegt ein offizielles Angebot der oppositionellen irakischen Sunniten – einschließlich der früheren Baathisten – vor, die bereit waren (und sind), den IS ein für allemal auszuschalten. Hinter ihnen stehen 10 Millionen Sunniten. Der IS hätte gegen sie nicht die Spur einer Chance. Ich selbst habe dieses Angebot der US-Führung übermittelt.

Einzige Bedingung der sunnitischen Opposition: Sie wollten nach mehr als einem Jahrzehnt totaler politischer Diskriminierung wieder gleichberechtigt am politischen Leben des Irak teilhaben. Dem Weißen Haus war das zu kompliziert. Bombardieren ist einfacher.

Wenn sich die Welt nicht endlich gegen diesen Bombenterror erhebt, wird die Jahrtausende alte Kulturstadt Mosul bald nicht mehr existieren. Dank Clinton und Bush, dank dem IS. Und dank Ihnen, Herr Obama. Wenn Sie diesen kriminellen Wahnsinn nicht stoppen, wird Mosul sterben. In den Trümmern Ihrer großen Worte. Und unserer Feigheit.“

Ihr JT

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