Nachdenkseiten: Von Orlando bis München: Amok oder Terror?

Ein sehr zu empfehlender Text über die Gründe, warum Menschen zu Gewalt greifen von einem Autor, der berufsbedingt weiß wovon er spricht. Für eilige zum Schluß ein paar interessante Zitate aus dem Text. Es besteht immer die Möglichkeit sich einen Text auf einen e-book-Reader zu packen, falls vorhanden. Ich empfinde das als sehr angenehm, weil man so die Zeit, welche man vor einem Bildschirm verbringt, reduzieren kann. Hier der Text als pdf.

Der Amoklauf von München markiert den vorläufigen Schlusspunkt einer Blutspur, die Terrorakte und Amokläufe in den letzten Monaten durch Europa gezogen haben. In den USA sind Amokläufe beinahe alltägliche Ereignisse. Die Grenzen zwischen Amok und Terror sind unscharf und müssen in jedem einzelnen Fall bestimmt werden. Den Opfern und ihren Angehörigen wird es egal sein, welcher Kategorie die Mörder zugeordnet werden. Einer kritischen Öffentlichkeit kann es indessen nicht gleichgültig sein, wie Verbrechen gesellschaftlich angeeignet und codiert werden. Mit Etikettierungen verbinden sich strategische Interessen, und zwar sowohl auf der Seite der Täter als auch der Gesellschaft. Von Götz Eisenberg. Weiterlesen

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete mehr als drei Jahrzehnte lang als Gefängnispsychologe im Erwachsenenvollzug. In der „Edition Georg Büchner-Club“ erschien dieser Tage unter dem Titel „Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst“ der zweite Band seiner „Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“.

Zitate:

Wenn es stimmt, dass Amokläufer und Selbstmordattentäter von dem Wunsch angetrieben werden, aus der Bedeutungslosigkeit ihrer Existenz herauszutreten und ins Rampenlicht öffentlicher Aufmerksamkeit zu geraten, dann macht sich, wer Bilder der Tat und des Täters verbreitet, unbewusst zu seinem Komplizen und Erfüllungsgehilfen. Der mediale Nachhall der Schüsse und Bombenexplosionen ist wesentlicher Teil der Tatplanung.“

Nach der Axt- und Messer-Attacke von Würzburg wurden Menschen allen Ernstes von Reportern befragt, ob sie sich denn nun noch trauten, einen Regionalzug zu benutzen. Wurden die Leute das auch gefragt, nachdem sich herausgestellt hat, dass das Zugunglück von Bad Aibling, bei dem im Februar 2016 elf Menschen zu Tode gekommen sind, auf das Konto der Spielleidenschaft des zuständigen Fahrdienstleiters geht?

Ich bin davon überzeugt, dass das, was gegenwärtig unter dem Begriff „Terrorismus“ verhandelt wird, zumindest eine große Schnittmenge mit dem Phänomen Amok aufweist. Die zeitgenössischen Anschläge und Attentate sind eigentlich Amokläufe, die sich einer in der Luft liegenden pseudoreligiösen Codierung bedienen.

Im Kampf gegen die militanten Gotteskrieger von Al Qaida und IS entsteht ein großes Wir über den krisengeschüttelten Gesellschaften des Westens. Sogar der zwischenzeitlich wieder aufgewärmte Ost-West-Konflikt kühlt wieder etwas ab, und der in den letzten Jahren zum Ober-Schurken avancierte Putin wird – zumindest vorübergehend – aus dieser Rolle verdrängt. Dank des IS können wir all die anderen Probleme vergessen. Wer redet noch von der Finanzkrise, von Massenarbeitslosigkeit und den Morden des NSU? Ist das nicht wunderbar: Ein vom Westen selbst mit geschaffener und aus der Flasche gelassener Geist dient nun dazu, uns alle im Kampf gegen ihn zu einen! Im Schlagschatten des Anti-Terror-Kampfes breiten sich islamophobe Einstellungen wie ein Flächenbrand aus und leiten Wasser auf die Mühlen der Ausländerfeinde, Rechtspopulisten und Rassisten.

Eine politische Entspannung kann psychisch gerade die gegenteiligen Folgen haben: Verschwindet ein Feind durch Entspannung oder Kapitulation, schwindet auch die Möglichkeit, eigene Konflikte auf ihn abzuwälzen.

Wir gegen die, und es war klar, wer ‚die‘ waren. Heute sind wir nicht so sicher, wer die ‚die‘ sind; aber wir wissen, es gibt sie.“

Die Flut an Schreckensnachrichten, die täglich über uns hereinbricht, hat darüber hinaus eine „Normalisierung des Grauens“ (Herbert Marcuse) zur Folge. Wir verschlingen unentwegt eine derart hohe Dosis an Dramatik, dass wir jede Fähigkeit zur Verarbeitung und Wahrnehmung einzubüßen drohen. Je deutlicher eine Barbarei zu sehen ist, je mehr Wiederholungen uns präsentiert werden, desto schneller vergessen wir sie. Wir konsumieren Horror wie andere Leute Alkohol. Alles zeigen, alles ausbreiten, alles präsentieren: Dies ist das beste Mittel, um uns gegen das Unglück, von dem die Medien berichten und von dem sie vampiristisch zehren, immun zu machen.

Um die durch die jeweilige Tat erschütterte Innerlichkeit und Loyalität der Bürger zu restabilisieren, verabreicht man ihnen die üblichen Palliativa aus der sicherheitspolitischen Hausapotheke: Man verschärft das Waffenrecht geringfügig, novelliert irgendwelche gesetzlichen Bestimmungen, diskutiert eine Weile aufgeregt über die Rolle der Ego-Shooter-Spiele, rüstet die Polizei weiter auf und installiert noch mehr Überwachungskameras. Staat und Gesellschaft lassen es sich etwas kosten, die Ursachen der Gewalt bestehen zu lassen und ihre Folgen mit technischen und repressiven Mitteln zu bekämpfen.

Der Neoliberalismus hat treibhausmäßig eine Atmosphäre der Konkurrenz und zwischenmenschlichen Feindseligkeit gezüchtet und die Herausbildung einer „Kultur des Hasses“ (Eric J. Hobsbawm) befördert. Die Fähigkeiten zu Mitleid, gegenseitiger Hilfe und Solidarität verdorren, weil sie durch die gesellschaftlichen Verhältnisse keine Stützung erfahren und als Karriere-Hindernisse gelten. Die Menschen werden systematisch aufeinander gehetzt und zerfleischen sich untereinander, statt sich gegen zunehmend unerträgliche Verhältnisse zusammenzuschließen und zu wehren. Aggressionen häufen sich an den Rändern des Bewusstseins, der Angst- und Wahnsinnspegel steigt, eine gereizte Stimmungslage breitet sich aus. So dürfen wir uns nicht wundern, wenn Amok und Terror die kriminelle Physiognomie des neoliberalen Zeitalters prägen.

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3 Antworten zu Nachdenkseiten: Von Orlando bis München: Amok oder Terror?

  1. brandy99 schreibt:

    Wir haben gerade gestern in unserem „Phil. Gesprächskreis“ über dieses Thema gesprochen und dabei wurde davon berichtet, dass in London besonders viele Selbstmörder sich vor die U-Bahn warfen. Daraufhin wurde die Berichterstattung über diese Vorfälle eingestellt und siehe da: die Selbstmorde in der U-Bahn gingen signifikant zurück. Ich bezweifle einfach, dass unsere Medien sich ihrer Verantwortung wirklich bewusst sind.

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    • karolwojci schreibt:

      Wahnsinn, ein ganz klares Beispiel… Leider würde, selbst wenn die Medien sich daran halten würden – die Zeitung LeMonde hat den ersten Schritt getan http://www.sueddeutsche.de/medien/zeitung-le-monde-zeigt-keine-bilder-von-terroristen-mehr-1.3096671 – noch die ganze SocialMedia-Welt hinterherziehen müssen und das wird immer unwahrscheinlicher je mehr die Leute sich an diese Art, mit Informationen umzugehen gewöhnen. Meiner Meinung nach sollte es eine Plattform für Polizisten, Juristen, Forscher, Journalisten etc. geben, auf die Menschen, die ein Video gemacht haben, es zur Verwendung einschicken/hochladen können. So könnten diese damit arbeiten und sich an einen Kodex halten, wie mit solcher Information/Videomaterial etc. umgegangen wird.

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      • karolwojci schreibt:

        Leider ist mir heut über den Tag aufgefallen, dass die Idee mit der Plattform an sich nicht schlecht ist, aber im Grunde gefährlich, da die Informationen dieser Videos „weggesperrt“ wird und durchaus unterdrückt werden kann… Eine breite Informationskampagne in sämtlichen Medien über die Gefahren des hysterischen Teilens allen uns jedens wäre vielleicht sinnvoller 🙂

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