Gedenken an das Massaker von Odessa

Übermorgen wird es zwei Jahre her sein, dass in Odessa mindestens 48 Menschen bei einem Brand des Gewerkschaftshauses ums Leben kamen. Bei den 48 Toten handelt es sich um die offizielle Angabe. Die Angehörigen der Verstorbenen, die vor dem verbrannten Gebäude Bilder ihrer toten Söhne, Töchter, Brüder, Schwestern, Verwandten und Freunde mit sich tragen und gegen das Vergessen kämpfen, sprechen von mehr Toten.

Die Abläufe des Massakers waren von vorne rein in zahlreichen Youtube-Videos dokumentiert, sogar im live-stream zu sehen. Im Grübelstübchen erschien im Nachhinein ein Artikel zu den Rechercheergebnissen der „Gruppe 2. Mai“, lokale Zeitungsredakteure die die Ereignisse des Massakers aufrollten, übersetzt aus dem Ukrainischen (siehe hier). Auch gibt es Dokumentationen, die sich mit den Abläufen des Tages beschäftigen.

Die Aufklärung durch die Regierung geht jedoch mehr als mangelhaft voran. Eine vom Europarat eingesetzte Expertenkommission kritisierte die ukrainische Justiz wegen der verschleppten Aufklärung der Ereignisse am 2. Mai 2014. Während zu Beginn noch die absurde These geäußert wurde, russische Agenten hätten das Haus angezündet, kam, nachdem dies als offensichtlich gelogen revidiert wurde, zu dem Thema nur heiße Luft. Ein russischer Taxifahrer namens Jewgeni Mefedow, der 2013 nach Odessa zog,  „um näher am Meer zu leben“, sitzt bis heute im Gefängnis, ohne das auch nur eine Spur einer Agententätigkeit existiert.  Nach dem Massaker kam es zu mehreren Verhaftungen. Jedoch wurden nicht die Angreifer des Hauses, sondern zahlreiche Demonstranten des Kulikovo-Platzes von der Polizei abgeführt. Mit anderen Worten: Nicht die, welche das Gewerkschaftshaus belagerten, sondern die welche sich in ihm befanden, wurden festgenommen.

Der Rechte Sektor, Extremisten über denen die „schützende Hand Kiews“ steht, behindern die Aufklärung wo es nur geht. Als der Rechte Sektor erfuhr, dass Geld für die Kaution von fünf inhaftierten Anti-Maidan-Aktivisten gesammelt wurde, blockierten diese alle Ausgänge des Gerichtsgebäudes. Als die Richter ein Urteil erließen, dass die fünf Männer auf Kaution in Freiheit entlassen werden können, stürmten die militärisch bekleideten Extremisten das Gerichtsgebäude und zwangen die drei verängstigten Richter von ihren Ämtern zurückzutreten. Das Kautionsversprechen wurde kurze Zeit später zurückgenommen. Begründung: wegen „der Nichtberücksichtigung einiger Tatsachen“. Auch diese ganze Aktion ist auf Video aufgenommen:

Kein einziger Faschist kam seit den Maidan-Protesten ins Gefängnis. Es existieren Videos, in denen aus dem brennenden Haus gerettete Personen blutig geschlagen werden. Es existieren Videos in denen ein dicker Mann („der Dicke“ wird nachfolgend nur benutzt, um die markanten Züge dieser Person zu beschreiben, nicht um sich über Fettleibige lustig zu machen), mit einer Schutzweste ausgerüstet, mit einer Pistole auf das brennende Haus feuert. Es existieren Videos, in denen Andriy Parubiy, der seit mitte diesen Monats im Ukrainischen Parlament sitzt, Schutzwesten an Militante verteilt. Und das wenige Tage vor dem Massaker. Es existieren Videos, in denen eben dieser dicke Mann übers Telefon den Statusbericht mitteilt, vier seiner Männer seien gestorben, was eine Lüge war, und, wer weiß, vielleicht sogar Anweisungen enthält! Die Identität dieses Mannes lässt sich ganz klar zuordnen. Es handelt sich um Mykola Volkov, ein Kleinkrimineller, der anscheinend für die Zwecke der Großen instrumentalisiert wurde… Ein Kleinkrimineller, der unbestraft in Europa auf Menschen schießt. Nochmal: Kein einziger Faschist kam ins Gefängnis. Anstatt diese Extremisten einzukerkern, führte der Inlandsgeheimdienst SBU vor Kurzem  Hausdurchsuchungen bei den Aktivisten durch, die vor zwei Jahren ins Gewerkschaftsgebäude fliehen mussten und ihre Kameraden sterben sahen (Quelle: russische Medien, über „Alternative Presseschau“ vom 29.04.2016).

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Der kleinkriminelle Mykola Volkov alias „der Dicke“.

 

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„Der Dicke“ hofiert hochrangige Politiker (Andriy Parubiy). Im nachfolgenden Video bekommt er und seine Gefolgschaft von Parubiy wenige Tage vor dem Massaker in Odessa Schutzwesten ausgehändigt. Im Video darauf schießt er auf die Menschen im brennenden Haus.

Das ist der neue Zeitgeist der Ukraine und der neue Zeitgeist Europas. Bewaffnete Militante wüten im ganzen Land und nutzen die Untätigkeit der ukrainischen Sicherheitsbehörden, um Oppositionelle einzuschüchtern und zusammenzuschlagen. Menschen, die sich offen zu nationalsozialistischen Ideologien bekennen, mit Nazisymbolen am Arm und auf Flaggen posieren, unter den Bewohnern der Ukraine Angst und Schrecken erzeugen, laufen frei herum und dürfen ihr Nazidasein mitten in Europa uneingeschränkt ausleben. Dabei ist kein bisschen Kritik durch unsere „Volksvertreter“ zu vernehmen. Nazis in Europa? Schwamm drüber.

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“Asow-Batallion”- Rechtsextreme Kämpfer in der Ukraine

Am 2. Mai wird es mit aller Wahrscheinlichkeit wieder Trauerveranstaltungen zu den Ereignissen von vor zwei Jahren geben. Der rechte Sektor hat angekündigt, dass er, wenn solche Kundgebungen stattfinden, diese stören und ihr mit Gewalt begegnen wird. Das Grübelstübchen wird einen genauen Blick auf die Ereignisse werfen und hoffen, dass die Trauernden diesen Tag unbeschadet überstehen können. Die Leser des Artikels möchte ich bitten, einen Moment für die am 2. Mai vor zwei Jahren verstorbenen Menschen zu gedenken.

Ein Moment des Gedenkens sollte man auch für Europa übrig haben. Für das Europa, das einmal war. Das Europa, das nicht wegsah, wenn Faschisten töteten und brandschatzen. Eine Schweigeminute für ein vergangenes, ehemals solidares, Europa. Für ein verstorbenes, ein totes, Europa.

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2 Antworten zu Gedenken an das Massaker von Odessa

  1. Pingback: Das ist der neue Zeitgeist der Ukraine und der neue Zeitgeist Europas. | Red Skies over Paradise

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