Die Würde der Tiere

Auszug aus dem Buch: „GO! Die Öko-Diktatur“ von Dirk C. Fleck.
Die Kuh lag mit ängstlich geweiteten Augen an Deck. Zwei Männer schlangen ein Seil um ihr gebrochenes Vorderbein und gaben dem Kranführer das Zeichen. Mit einem Ruck wurde der massige Körper vom Boden gerissen und in luftiger Höhe über die Bordwand geschwenkt. Das Tier baumelte an seinem Bein wie an einem seidenen Faden, bis es am Pier klatschend zu Boden fiel. Es zitterte auf dem Asphalt, zum Brüllen war es zu schwach. Ein Matrose kappte das Tau. Aus dem Schuppen näherte sich ein Schaufelbagger. Er rammte seine Stahlzähne unter die Kuh und warf das Tier zurück aufs Schiff, wo es verzweifelt mit den Hufen zuckte.

Heute, lieber Freund, reden wir über die Würde der Tiere. Über jene Wesen also, die wir fast vollständig von diesem Planeten vertrieben haben. Dies war übrigens, um im Jargon unserer Großväter zu bleiben, eine rauhfutterverzehrende Großvieheinheit aus der Tierproduktion Nordfleisch, deren Annahme vom arabischen Empfänger wegen ihres schlechten Zustands verweigert wurde.“

Xenia trug einen schlichten weißen Hosenanzug. Ihr Gesichtsausdruck ließ befürchten, dass die Lesson in diesem Stil weiter ging. Malin war nicht sicher, ob er sich das Programm heute antun sollte. Andererseits wusste er, dass es für ihre derben Demonstrationen nie so etwas wie den richtigen Zeitpunkt gab. Sie reichte ihm eine Tasse Tee.

Es gibt einen einfachen Trick, um die Würde der Tiere wieder herzustellen„, sagte sie, „man vergleiche sie nur mit den Menschen. Während die Tiere in ihren Bewegungen eine unnachahmliche Grazie entfalten, ist der Mensch sogar in seiner Fortbewegung beschränkt. Retuschieren wir im Geiste seine Transportmittel weg – was bleibt von ihm übrig? Entkleiden wir ihn seines Lieblingsspielzeuges, des Autos – was sehen wir? Eine seltsam gekrümmte Figur, die mit erhobenen Händen und breitem Arsch in unglücklicher Hockposition über die Straße schrammt. Oder streichen wir die U-Bahn. Ein fünfzig Meter langer Pulk von in sich versunkenen, missmutigen Leibern, wird durch unterirdische Röhren geschossen. Auch die Reisegesellschaften, die sich ohne sichtbare Flugzeughülle in die Lüfte erheben, entbehren nicht einer gewissen Lächerlichkeit, wenn man sie an den Flugkünsten der Vögel misst.“

Malin wunderte sich, dass Xenia in ihrer Rede auf begleitende Bilder verzichtete, das tat sie eigentlich nie. „Wir sind fremd bestimmt,“ fuhr sie fort. „Wir benutzen, was wir nicht persönlich ersonnen haben. Kein Tier, ob Kakerlake oder Königstiger, hat wie der Mensch seine Eigenverantwortung an der Garderobe des Lebens abgegeben. Jeder von uns ist für sich genommen nur ein mieser kleiner Feigling, der keine drei Tage in der Natur überleben könnte. Das wissen wir, das macht uns Angst. Nur deshalb haben wir uns dem Wahn verschrieben, das Leben auf unsere Art zu beherrschen. Aber man kann nur etwas beherrschen wollen, von dem man sich grundsätzlich getrennt weiß.“

Malin zuckte zusammen. Er befand sich in einem gekachelten Kellerraum, der von dem erbärmlichen Gewinsel eines Hundes widerhallte. Das Tier, ein etwa vier Jahre alter Rottweiler, kauerte mit eingezogenem Schwanz, aufgestellten Nackenhaaren und angelegten Ohren auf dem Steinfußboden. Aus Nase und Ohren sickerte Blut. Sein Peiniger mit dem Tirolerhut band sich eine Gummischürze um, befestigte eine Schlinge um den kräftigen Hals seines Opfers und hängte es an einen Fleischerhaken, der in der Decke installiert war. Anschließend prügelte er auf den zappelnden Körper ein, wobei er einmal die Runde machte, damit sich die Schläge schön gleichmäßig verteilten. Das sah nicht nach Bestrafung aus, sondern nach eingefleischter Routine, nach Choreographie. Nachdem die Peitschen-Partitur abgearbeitet worden war, griff der Mann zu einem Bunsenbrenner, prüfte die Schraubverschlüsse und stellte die Flamme ein. Der Hund hing wie ein Sandsack von der Decke, nur die Hinterfüße traten panisch ins Leere. Als der Feuerstoß in lang gezogenen Bahnen sein Fell versengte und sich die Haut zu schwarzen Blasen aufwarf, reichte die Kraft nicht mehr zu hektischen Reflexen. Die Augen des Tieres aber bewegten sich noch immer entlang der Decke, als suchten sie die Pforte zum Himmel.

Nicht nur in Korea wusste man diese Gaumenfreuden zu schätzen„, sagte Xenia, „auch in der Schweiz waren die Gourmets ganz verrückt danach. Die Tatsache, dass es sich dabei um eine verbotene Delikatesse handelte, steigerte die Nachfrage um so mehr. Weltweit landeten jedes Jahr über zwei Millionen Hunde in den Kochtöpfen der Feinschmecker. Die eben gezeigte koreanische Art der Zubereitung galt als unübertroffen. Man war sicher, dass erst das Stresshormon Adrenalin dem Fleisch seine besondere Würze verlieh.“

Malin verkraftete diese Scheiße nicht länger. Warum gab es keine Vorinformationen zu den Lessons? Dann hätte man sich jedenfalls mental auf die Folter einstellen können, die sie einem frei Haus lieferten. Xenia schaute ihn nachdenklich an. Wenn sie doch nur mal lächeln würde, war das denn zu viel verlangt? Schließlich hatte nicht er die Viecher umgebracht, oder?

Wir sind es den Tieren schuldig„, mahnte sie, als könne sie Gedanken lesen. Arbeiter in verschmierten Gummischürzen schmissen zappelnde Rinderföten in eine Betonwanne, wo ihnen mit Kanülen bestückte Plastikschläuche in die Leiber gerammt wurden. Die kleinen Wesen mit den großen Köpfen und den geschlossenen, kaum ausgeprägten Augen rotierten auf dem Boden, während ihr rasendes Herz das eigene Blut durch die Schläuche aus dem Körper pumpte. „Dies ist der erste und der letzte Eindruck, den sich diese Geschöpfe von unserer Welt machen durften„, sagte Xenia. „Wir befinden uns in einem normalen Schlachthof. Zwei Millionen Föten wurden auf diese Weise jährlich allein in Deutschland ausgesaugt. Endverbraucher waren die Pharmakonzerne, die mit dem Blut der Ungeborenen ihre Bioreaktoren auffüllten. Das Kälberserum diente zur Herstellung von Hightech-Medikamenten sowie als Nährlösung für Spenderorgane.“

Malin war nahe daran, sich zu übergeben. Vor ihm wand sich ein weißes Kaninchen im Käfig, immer wieder wischte es mit den Vorderpfoten über die aufgequollenen, blutenden Augen. „Noch vor fünfzig Jahren stritten Wissenschaftler um die Frage, ob Tiere Schmerz empfinden. Dreihundert Millionen Kreaturen wurden Jahr für Jahr im Namen dieser Wissenschaft ans Messer geliefert. Hat man sie gesehen, die Affen, deren Köpfe in den Schraubstöcken festgeklemmt waren, während ihre Schädeldecken längst im Abfall gelandet waren? Kennt man sie, die Hunde, deren Augen bei lebendigem Leibe heraus geschnitten wurden? Fühlt man den Schrei der Katzen, die mit dosierten Hammerschlägen auf den Kopf zu zerstückelten, zuckenden Reflexgebern degradiert wurden? Überall auf der Welt rasten die offenen Herzen der in Reih und Glied auf den Rücken genagelten Mäuse auf und ab wie die Tasten einer Blutorgel. In den Versuchslaboren hatten die Menschen endgültig das Recht verwirkt, als Teil der Natur betrachtet zu werden.“

Malin stand unter einem Baum, über den sich ein feines Netz spannte, in dem sich hunderte von Vögeln verheddert hatten. Etwas abseits lag ein ebensolches Netz am Boden. Es bewegte sich, als dümpelte es auf offener See. Vor ihm hockten eine Schar lachender Kinder. Sie zerrten die piepsenden Tiere heraus und brachen ihnen die Flügel, ganz so, als würden sie Bohnen brechen. Anschließend warfen sie die verletzten Tiere in ein verrostetes Ölfass, wo diese zuckend auf die Hände ihrer Schlächter warteten, die ihnen mit einem kleinen Messer die Kehle durchschnitten, nicht immer professionell, wie man den nach Luft japsenden Vögelchen im rot gefärbten Sand ansehen konnte.

Fünfhunderttausend pro Jahr allein in Ägypten„, sagte Xenia. „Besonders begehrt von den Restaurants: Nachtigallen, Pirole, Wiedehopfe.“ Sie schenkte ihm Tee nach, sie schien allmählich Mitleid mit ihm zu bekommen. Es folgte ein Potpourri aberwitziger Bilder: Elefanten flogen an Hubschraubern hängend durch die Savanne, Menschenhände rissen Affenbabys aus den Armen der Muttertiere, Kängurus hüpften im Scheinwerferlicht vor Stoßstangen herum, Papageien wiegten sich an Ketten gefesselt auf einer Holzschaukel im Foyer eines Hotels, Adler schlurften mit hängenden Schwingen durch Drahtkäfige, Schildkröten hingen wie Wäschestücke an Bambusrohren, Bären tanzten vor klatschenden Touristen auf glühenden Kohlen, Fische trieben Wasser kauend auf der Seite in Plastikschüsseln, ein Panda wurde unter Blitzlichtgewitter auf einer Trage davon geschleppt. Seehunde mit Sonnenbrillen wagten den Drahtseilakt, Hühner stolperten über Fließbänder und verhedderten sich kopfüber in Halterungen, in denen sie sich wie Bierflaschen bei der Abfüllung im Kreis drehten, nur das hier keine Kronkorken aufgesetzt, sondern Köpfe abgeschnitten wurden. Während sich die Demütigungen der Tiere in immer schnelleren Einstellungen ins Unerträgliche steigerte, zitierte Xenia aus einem Urteil des Hamburger Verwaltungsgerichts von 1988:
Natürliche Personen sind nach geltendem Recht die Menschen. Tragender Grund dafür, dass die Rechtsordnung die Befähigung, Träger von Rechten zu sein, nur dem Menschen zuordnet, liegt in der Erkenntnis, dass nur ihm die besondere Personenwürde zu eigen ist, kraft seines Geistes, die ihn aus eigener Entscheidung dazu befähigt, seiner selbst bewusst zu werden, sich selbst zu bestimmen und sich und die Umwelt zu gestalten, die ihn von allen anderen Lebewesen der Natur abhebt. Tiere werden als Sache behandelt.“ Die schöne Quälerin legte das Urteilsschreiben beiseite: „Tierbefreier wurden damals als Terroristen gejagt„, sagte sie.

Es folgten Fotos ehemaliger Werbeplakate: Tiger an Tankstelle, Elefant am Kopierer, Greifvogel mit Schnapsflasche, Affe mit Telefon, Puma im Hochhaus, Kamel an der Bar. „Kein Tier hat jemals gemordet, gequält oder ein anderes Tier als Geisel genommen. Solche Perversionen waren allein dem Menschen vorbehalten. Verstehst du jetzt, warum wir euch fern halten müssen?“

Malin saß zwischen aufgeregten Zuschauern auf der Tribüne eines Delphinariums. Nach den hektischen Reaktionen der Trainer zu urteilen, stimmte etwas im Becken nicht. Der kleinste der sechs Delphine trieb bereits minutenlang auf dem Rücken, seine Gefährten versuchten ihn umzudrehen, damit er das Atemloch frei bekam. Zunächst hatten die Leute diese vermeintliche Showdarbietung noch beklatscht, aber als einer der Betreuer in voller Montur ins Wasser sprang, verstummten die Besucher. Die Tiere hielten den Mann fern, auch ein zweiter Trainer hatte keine Chance. Schließlich gelang es sechs Männern aus dem Publikum, den jungen Delphin über den Beckenrand zu ziehen. Nach einer vergeblichen Herzmassage teilte ein Herr der Direktion mit, dass die weitere Vorstellung leider ausfallen müsse, da Sindbad einem Herzversagen erlegen sei. „Er wollte nicht mehr leben„, kommentierte Xenia, „er hat einfach aufgehört zu atmen...“

Ein Adler kreiste über schneebedeckte Berge. Malin selbst wurde dieser Adler, er glitt über üppige Ebenen, über Flüsse und Wälder, über Steppen und Seenplatten. Unter ihm grasten Büffelherden, rosa Flamingos staksten durch flirrendes Wasser, Springböcke hüpften durchs Gras, ein Steinbock hob den Kopf, Löwen dösten im Schatten eines Baumes. Die Eindrücke waren überwältigend. Dies war der eigentliche Reiz der Holo-Lessons. Nur in den Holo-Lessons arbeitete der Staat mit authentischem Filmmaterial aus der Vergangenheit, ansonsten beschränkten sie sich auf Computeranimationen und Standbilder. Ein Rudel Wildpferde galoppierte durch das von feuerroten Felsen umstandene Tal. Über die leiser werdende Musik legte sich das unverwechselbare Geräusch rotierender Rotorblätter. Jetzt saß er in der gläsernen Kanzel eines Helikopters. In der Verlängerung eines Maschinengewehrs die fliehenden Tiere. War er es, der geschossen hatte? Ganz Salven ergossen sich aus den stählernen Läufen, die Pferde wurden regelrecht umgemäht. „NEIN!“ schrie er. Es war das erste Mal, dass er während einer Lesson eine solche Reaktion zeigte.

Xenia sah ihn liebevoll an: „Zur gleichen Zeit, als in Australien die letzten Wildbestände zum Abschuss freigegeben wurden, stand in den USA ein arbeitsloser Cherokee-Indianer vor Gericht. Er hatte auf dem von der weißen Regierung vereinnahmten Land seines Stammes ohne Erlaubnis einen Hasen gejagt, um seiner Familie etwas zu essen zu geben. Seine Erklärung, er habe die Seele des Tieres doch vorher um Verzeihung gebeten, wurde von dem Richter mit Gelächter quittiert. Zwei Jahre Gefängnis für den Mann. Auf bald, mein Freund.“

Sie löste sich auf wie ein Geist, das tat sie gern. Malin blieb noch eine Weile sitzen, er musste die Lesson erst einmal verdauen.



 


Xenia ist ein virtuelles Hologramm, welches die unter der „Ökodiktatur“ lebenden Menschen „umerzieht“. Dahinter steckt ein Team aus Wissenschaftlern, welche unter der Kontrolle des „Informationsministeriums“ stehen. Sie hält den Menschen Vorträge darüber, wie die Gesellschaft früher war, zeigt ihnen Bilder aus der Vergangenheit, wie ihre Vorfahren mit der Umwelt umgegangen sind. In diesem Kapitel zeigt der Autor Dirk C. Fleck uns, in welcher Weise mit der Umwelt umgegangen wird. Das in den 1990ern geschriebene Buch büßt von der Aktualität nichts ein, die Situation wird, ganz im Gegenteil, immer schlimmer. Als Mensch, der in diese Welt geboren wird, hat man kaum eine Möglichkeit dem zu entgehen, man unterstützt es automatisch. Viel Spaß beim Nachgrübeln.

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4 Antworten zu Die Würde der Tiere

  1. der einsiedler schreibt:

    ist sie nicht schizophren, die beziehung der menschen zu den tieren? zu bestimmten tieren, vor allem katzen, hunde und pferde, entwickeln wir ein sehr inniges verhältnis. sie werden gehegt und gepflegt und sind die besten freunde. die so genannten “nutztiere” dagegen werden gequält und ausgebeutet. wir verdrängen erfolgreich die tatsache, dass fleisch, milch, daunen oder pelz von einem tier mit charakter und eigenen bedürfnissen stammen. die politisch verantwortlichen billigen das sinnlose leid der tiere für wirtschaftlichen profit.

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