Wenn Musiker kritisch werden…

…müssen sie sich rechtfertigen. Oft werden sie von den Medien  entweder ignoriert, fertig gemacht, denunziert… oder gleich alles zusammen. Musiker und öffentliche Personen müssen aufpassen was sie sagen. Zu kritische Songtexte oder Aussagen auf der Couch einer Talkshow… und der Shitstorm ist garantiert. Um nicht vollends als „Spinner“ abgetan zu werden, empfiehlt es sich ein wenig zurückzurudern, um sein Image zu wahren. Die zum Teil völlig überzogenen Medienreaktionen sorgen sicherlich dafür, dass die ein oder andere öffentliche Person schön ihre „unliebsamen“ Kommentare für sich behält, oder sie erst im Rentenalter äußert.

Da bekannte Künstler in einer guten Position sind, sich für Aufklärung und für Themen oder Positionen, die sonst nicht alltäglich in der öffentlichen Meinung aufkommen, weil sie „Tabuthemen“ sind oder massiven Widerspruch erfahren, einzusetzen, bleibt zu hoffen, dass die Künstler sich ihren Mund nicht verbieten lassen und sich auch in Zukunft kritisch äußern werden. Folgende Männer wird man in diesem Prozess dabei beobachten können: Dieter („Didi“) Hallervorden, Xavier Naidoo und Herbert Grönemeyer.

Was war das „Vergehen“ dieser Männer und wie reagierten die Medien?

Dieter Hallervorden.

Zu seinem 80. Geburtstag brachte er das Lied „Ihr macht mir Mut“ raus, in dem er äußerst kritische Töne zum Stand der heutigen Gesellschaft trifft. Darin kritisiert er eine ganze Menge: Bundesregierung, USA,  NSA, BND, Israel (Mauerbau), Großkonzerne (Nestlé), Rüstungsindustrie, die Medien und die Spekulanten. Das sind alles durchaus kritikwürdige Themen. Themen, über die man durch das Fernsehen aber nicht unbedingt eine ausgewogene Kritik erfährt.

So wollte „Didi“ in einer ZDF-Sendung Menschen auf der Flucht – Deutschland hilft!, zu der er eingeladen war, einen Ausschnitt seines Liedes präsentieren. Der ZDF weigerte sich jedoch das Lied zu zeigen. Dazu Dieter auf Facebook:

„Morgen läuft im ZDF eine Sendung aus Anlass des derzeitigen Flüchtlingsdramas.
Ich war eingeladen und wollte einen 51-sekündigen Ausschnitt aus dem Musikvideo meines satirischen Songs „Ihr macht mir Mut“ zeigen.
Wohlgemerkt: Die Einnahmen, die sich für mich aus dem Verkauf ergeben, gehen ohne jeden Abzug, also zu 100%, an die Flüchtlingshilfe.
Obwohl die ZDF-Redaktion darüber informiert ist, dass kein Cent in meine Tasche wandert, sondern genau den Menschen zugute kommt, um die es in der Sendung geht, weigerte man sich, den Ausschnitt zu zeigen.
Bin gespannt, wie die Intendanz auf die Inkompetenz des zuständigen Redakteurs reagiert…“. 

Den Nachdenkseiten zufolge hat die Chefin der Agentur More than actors Anfragen für Sendungswünsche mit Hallervorden zu seinem 80. Geburtstag, von unter anderen „Carmen Nebel (ZDF), Beckmann, NDR-Talkshow und Markus Lanz“ bekommen. Nachdem die Redaktionen ein paar Tage „in sich gegangen“ waren, sagten sie plötzlich doch ab. Begründung „unter der Hand“: zu kritische Zeilen.

Hier das Lied: 

Xavier Naidoo.

Der hat es als Künstler so oder so nicht leicht. Vorgeworfen werden ihm laut Spiegel: „Antisemitismus, Homophobie und der Hang zu Verschwörungstheorien“. In diesem Kontext beziehen sich die Medien häufig auf seinen Auftritt vor den sich selbst nennenden Reichsbürgern. Dieser Haufen ist in der Tat äußerst kurios, der erste Satz, der einem auf der Website entgegengeschleudert kommt, lautet: „Willkommen in der Staatenlosigkeit der deutschen Nazi-Kolonie!“ Doch wer seiner Rede lauscht, weiß, dass er diesem Haufen nicht zugehört, und sich gegen Krieg, gegen Hass und Intoleranz ausspricht. Seine Botschaft war es, mehr Menschen für Demonstrationen gegen Kriegseinsätze zu mobilisieren, verschiedenen Gruppen zu zeigen, dass sie sich zusammentun sollten, da sie der Wunsch nach Frieden vereint (auch wenn ich mir die Reichsbürger nicht unbedingt auf einer Demo neben mir wünsche). Auch sein Auftritt vor den Mahnwachen in Berlin soll laut vielen Medienvertretern als Zeichen seiner Zugehörigkeit zum rechten Spektrum gelten (was als dunkelhäutiger ganz besonders realistisch ist), da neben ihm auch „zwielichtige“ Gestalten wie Jürgen Elsässer zum Mikro griffen. Dass in diesen Demos das Prinzip „offenes Mikro“ herrscht und die besagte Person aus diesem Kreis „gegangen wurde“, interessiert diese Medienberichte wenig.

Auch skandalös ist immer wieder, dass er sage, Deutschland, sei „nicht souverän“, wofür er immer wieder den Stempel „Verschwörungstheoretiker“ aufgedrückt bekommt. Diejenigen, die das tun wissen sie, dass sie damit auch beispielsweise Wolfgang Schäuble, Helmut Schmidt, Egon Bahr und Gregor Gysi,  die alle diesen Satz sagten, als solche bezeichnen?

 All die Diskussionen um Rechts-nicht-Rechts resultierten darin, dass der NDR ihn als Kandidaten beim EuroVisisionSongkontest in Stockholm zurücknahm. Auch wenn der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Lutz Marmor diese Entscheidung im Nachhinein als einen „Fehler“ bezeichnete, so ist dieser kritische Zeitgenosse nun aus dem Rennen.

Die Berichterstattung zu dem Lied „Nie wieder Krieg“ war zum Teil fair, zum Teil absolut zerschmetternd (Beispiel SpiegelOnline). Der Beitrag seines Konzertveranstalters auf Facebook ist bezeichnend für den zweiten Teil der Medienreaktion: „Ich bin zutiefst erschüttert über die unglaubliche Hetze, die widerliche Heuchelei und den blinden Hass, für die es keinerlei Berechtigung gibt! Als Mensch und deutscher Jude, der den Vorzug hatte, mehr als 20 Jahre in seiner Nähe zu sein, habe ich noch nie das Gefühl gehabt, dass auch nur der Hauch eines antisemitischen, rassistischen, xenophobischen oder nationalistischen Sentiments existiert.“ Überschrift des Beitrages: „Unglaubliche Hetze gegen Xavier Naidoo“.

Herbert Grönemeyer.

Nun der Herbert genießt nicht so einen schlechten Ruf wie sein Kollege Xavier. Um so schwerer ist es, könnte man meinen, ihn bei einem „unliebsamen“ Satz in Grund und Boden zu schreiben. Noch noch viel schwerer ist es, könnte man meinen, wenn der Satz eigentlich relativ harmlos ist. Auf Günter Jauchs Couch sitzend, sagte er:  „man kann sich auch überlegen, ob man nicht den Besserverdienern in Deutschland etwas ans Geld geht“. Es ging darum, wie man die Kosten für die Flüchtlingsfrage schultern kann.

Ein paar Beispiele zur Reaktion: ein „bizarrer Auftritt“ (FAZ), „Schlichter Populismus“ (Tagesspiegel), „Wirre politische Ideen“ (Web.de). In zahlreichen Kommentaren wurde sich darüber echauffiert, dass dieser leicht reden hat, da er ja in London lebt… Obwohl er seine Einnahmen in Deutschland versteuert. In der Talkshow erntete er für seine Ansprache Applaus, in den Medien wurde er regelrecht zerpflückt.

Dabei muss, da leider auf lange Sicht nicht absehbar ist, dass sich die Lage in Syrien bessert, eine Geldquelle her, die die ungeklärte Frage der Finanzierung der Flüchtlinge regelt. Doch den Gedanken zu äußern, allein nur die Richtung dessen,  eine Abgabe von den Besservermögenden zu verlangen, löst in Deutschland sofort einen publizistischen Shitstorm aus. Dabei muss sich in Erinnerung gerufen werden, dass die Finanzierung der Flüchtlingskrise nach dem Zweiten Weltkrieg, nur mit dem Lastenausgleichsgesetz geschultert werden konnte, eine Vermögensabgabe von 50 Prozent.  Während in den Medien und der „Wir schaffen das!“-Diskussion häufig auf diese grandiose Bewältigung der damaligen Krise Bezug genommen wird, gerät das „wie wir bzw. unsere Vorfahren das geschafft haben“, nämlich mit einer zusätzlichen Besteuerung, allzu häufig in Vergessenheit.

Bevor jetzt die inneren Einwände überhand nehmen und der ganze Artikel wegen „Ich-geb-doch-nicht-mein-schwer-erarbeitetes-Geld-für-Asylschmarotzer“ in die Tonne gekickt wird (und hoffentlich nicht wegen: „die-haben-an-Sylvester-unsere-Frauen-vergewaltigt“), noch ein Gedanke: Von welchen Reichen redet Grönemeyer? Nun, er sitzt in einer Talkshow. Das in einer Talkshow gesagte kann entweder absolut belanglos sein, oder aber es kann als Impulsgeber für eine gesellschaftliche Diskussion dienen. Ideen, welche man dort äußert sind also meist keine fertigen Ideen, sie sind nur ein Anfang. So könnte in einer weiterführenden Diskussion aus einer höheren Steuer für Besserverdienende auch eine höhere Steuer für Vermögende werden. Vermögende, welche ihr Einkommen teilweise rein aus ihrem Vermögen, aus Zinsgewinnen, „erwirtschaften“, bzw. andere ihr Einkommen erwirtschaften lassen, werden in Deutschland kaum zur Kasse gebeten. Aber auch nur ein Denken in diese Richtung wird in Deutschland mit geistigen Paukenschlägen bestraft, es wäre ein Lanzenbruch gegen die Interessen einer bestimmten Gruppe, worunter auch die Besitzer der großen Medienkonzernen gehören.

Wenn Musiker zu kritisch werden… Didis Lied wurde von den Medien einfach ignoriert, Xavier wurde schon immer alles mögliche vorgeworfen, weil er „ins falsche Mikro“ spricht, Herbert soll sich doch mit seinen „wirren“ Vorschlägen ein wenig zurückhalten. Als Künstler muss man sich in Deutschland entscheiden. Behalte ich meine Kritik für mich? Oder mach ich mich unbeliebt, bekomme einen Auftritt verweigert und werde medial verunglimpft… Ist es mir das wert? Oder bleibe ich bei dem, was man von mit erwartet?

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