Das schreit nach Revolution

Im Rahmen eines Praktikums hielt ich vor einer 8. Klasse im Gesellschaftswissenschaften-Unterricht eine Schulstunde. Thema: Die Jahre vor der Französischen Revolution. Zu Beginn der Stunde wollte ich ihnen klar machen, wie unfair das Land und die Reichtümer damals verteilt waren, was ein entscheidender Grund für die Französische Revolution gewesen ist. So ernannte ich einen Schüler, der nicht nur den König, sondern gleichzeitig auch den Klerus und den Adel (~2%) darstellen sollte. Prozentual zur Klasse entsprachen also ungefähr sein linker und sein rechter Arm diesen privilegierten Klassen, alle anderen, inklusive mir, bildeten die benachteiligte „3. Schicht“. Um den Schülern zu zeigen, dass 98 % der Bevölkerung nur ungefähr ein Drittel des gesamten Landes gehörte, lies ich alle Schüler in den hinteren Teil des Raumes gehen. Den zwei Armen des einen Schülers, die ich einfach mal grob als 2 Prozent benannt habe, gehörte der Rest. Das Erstaunen konnte man an ihren Gesichtern ablesen. Ein Schüler sagte; „Kein Wunder gab´s ne Revolution“.

In dem Moment war ich versucht, eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen. Wie hätte das konkret ausgesehen? „Kinder, ihr seht die Welt im 17. Jahrhundert war sehr unfair. Wenn ihr aber denkt, dass es heut nicht mehr so ist, dann habt ihr euch gewaltig geschnitten“. Schliesslich würde ich auf den Zustand heute verweisen, dass 85 Menschen gleich viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Welt.
Als ich in die schockierten Gesichter der Schüler blickte, entschied ich mich gegen diesen Ausflug in die Gegenwart und fuhr mit dem Lehrstoff fort.

Die uns allen so verabscheungswürdig vorkommene Zeit vor der Französischen Revolution, was sie auch durchaus war, die Zeit in der es in Europa noch keine Demokratien gab, erscheint neben der heutigen Situation überzogen gesagt wie eine Speckparty. Darauf könnte man entgegnen, dass der Reichtum heute zwar sehr ungleich verteilt ist, die Lebenssituation des gemeinen Menschen im Vergleich zur damaligen Zeit aber wesentlich humaner ist. Ein Blick auf den neu zugelegten BMW in der Verwandtschaft oder auf den Bierbauch des Nachbarn würde einen in dieser Annahme auch noch bestärken.
Doch diesen Optimisten ist anscheinend entgangen, dass es eine gewaltige Diskrepanz zwischen der in Nordeuropa wahrgenommenen und tatsächlich existierenden Amut gibt. Neben der Tatsache, dass je nach medialer Laune das Leid und der Hunger der Welt mal mehr und mal weniger den Menschen über die Röhre nach Hause gespielt wird (siehe dazu: „Schöne neue Welt„), gibt es auch langanhaltende Phasen in denen es still um die, bei weitem nicht bewältigte, Hungerproblematik steht. Wie aus einer fremden Welt erscheinen die Ausführungen von Jean Ziegler in seinem Buch mit dem klar auf den Punkt gebrachten Titel: „Wir lassen sie verhungern“. Alle 5 Sekunden stirbt ein Kind, meist an Hunger, so UNICEF. Wer würd sich beim Anblick des prall gefüllten Nachbarbäuchleins nicht zuerst nach dem Sonnensystem erkundigen, von dem hier die Rede ist?
Die ganz harten Optimisten lassen sich von solchen „schwammigen“ Zahlen natürlich nicht beeindrucken. Sie würden auf das „Wirtschaftswachstum“ (sick) von 3. Welt-Regionen verweisen, darauf, dass es „den Chinesen“ und immer mehr Menschen immer besser geht. Ihnen ist durchaus Recht zu geben, die Zahlen hungender Menschen gingen in den letzten Jahren zurück. Doch die dem Weltagrarbericht zu entnehmende Tatsache, dass mit dem derzeitigen Stand der Technik fast das doppelte der Weltbevölkerung ernährt werden kann, sollte auch den hartgesonnenen Optimisten zur Ernüchterung bringen. Neben den vielen hungernden Menschen auf der Welt, klingt es bei der Beschreibung des modernen Technikstandes doch ziemlich nach unterlassener Hilfeleistung, wenn nicht sogar Mord.

Ob im 17., im 21. oder in sonst einem Jahrhundert, hungernden Menschen gehts beschissen. Sie liegen vor Qual auf dem Boden, winselnd, zu schwach sich zu bewegen, zu schwach etwas gegen ihr Leid zu unternehmen. Meine Aufgabe als Geschichtslehrer ist es, den Kindern beizubringen, dass in prädemokratischen Zeiten Menschen gehungert haben. Dass eben auch in diesen in der Französischen Revolution glorreich erkämpften Demokratien Menschen verhungern, während andere im Überfluss, wie Maden im Speck, leben, ist im Lehrplan natürlich nicht vorgesehen.
Hätte ich diese Brücke in die Gegenwart geschlagen, müsste ich den Raum in zwei teilen und nur ein paar Haarfetzen eines Schülers in die „reiche“ Hälfte des Raumes lassen. Der Rest dieses Schülers, inklusive aller anderen und mir, würden die 3,5 Milliarden Menschen der „armen“ Hälfte repräsentieren. Auf diese Art und Weise hätte ich den Schülern vorgeführt, wie es sich mit der Reichtumsverteilung heute verhält, in einer Welt, die der Situation vor der Französischen Revolution in Nichts nachsteht, sogar in absoluten Zahlen deutlich überschreitet. Heute leiden mehr Menschen Hunger als es damals überhaupt Menschen gab. Vielleicht würde der gleiche Schüler über seinen Spruch, „kein Wunder gab´s ne Revolution“ nachdenken und sich die Frage stellen, warum es heute keine Revolution gibt.

…Sein Spruch wäre dann sicherlich: „Das schreit nach Revolution!“.

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4 Antworten zu Das schreit nach Revolution

  1. Marlene schreibt:

    Schade, dass der eigentliche Lehrplan diese Brücken in die Gegenwart nicht vorzusehen scheint, denn nur so können Menschen aus der Geschichte lernen.
    Viele Grüße,
    Marlene

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  2. sascha313 schreibt:

    Warum kommt ein syrischer Arzt als „Asylant“ in die Bundesrepublik Deutschland, obwohl er in seiner Heimat dringend gebraucht würde?
    1. weil er die „Flucht“ bezahlen konnte (ca. 2-20 Tausen Euro!?)
    2. weil er hofft, als Arzt im Westen einmal viel Geld zu verdienen, Haus und Auto zu besitzen und in der Welt herumzureisen,
    3. weil ihm sein eignes Leben wichtiger ist als das Leben der Menschen in Syrien.

    Revolution? Mit solchen Leuten niemals!

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    • karolwojci schreibt:

      Also Punkt 1 stimme ich noch zu, jemand ohne Mittel wird nicht weit kommen, es sei denn er setzt auf minimale Überlebenschancen. Bei 2 bin ich schon sehr kritisch. Ein Syrer wurde in einer völlig anderen Kultur groß und das Leben in Syrien war vor dem ganzen Chaos (2011?) ein sehr gutes Leben, das Land war sehr fortschrittlich und gut entwickelt. Wer verlässt schon gerne freiwillig seine Heimat? Ja, die die sich unwohl fühlen und die reiselustigen. Aber das trifft doch nicht auf diese große Zahl an Menschen zu? Ich denke viele, vielleicht sogar die Meisten, hatten tatsächlich keine andere Wahl.
      Punkt 3: Ich selber habe mich erfolgreich vor der Wehrpflicht gedrückt, weil ich nicht einsehe, andere Menschen zu töten, für die Interessen der „Großen“. Was soll ein Syrer zu Hause machen? Warten bis eine Bombe auf sein Haus purzelt, nachdem er die Häuser in seiner Umgebung nur so kippen sehen hat? Ja, es gibt noch relativ sichere Umgebungen in Syrien. Aber auf eine Nachbarschaft zu köpfenden IS-Islamisten könnte ich als Syrer sehr gut verzichten und würde das Weite -> durchaus Deutschland, suchen.
      Gruß,
      Karol

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