„Tod den Amerikanern“

Pakistan. In einem Dorf in der Nähe der afghanisch-pakistanischen Grenze, irgendwann vermutlich anfang der achtziger Jahre. Ein leises Rotieren ist in der Ferne zu hören. Das Geräusch des sich nährenden Hubschraubers wird immer lauter. Die camouflagebekleideten Kämpfer sammeln sich schon neugierig in der Nähe des Landeplatzes, einige nehmen eine aufrechte Haltung ein. Der sich nährende  Helikopter ist für ihre Sache schliesslich von herausragender Bedeutung. In ihm sitzt nicht einfach irgendein Amerikaner. In ihm sitzt ihr Geldgeber.

Der gelandete Hubschrauber wirbelt den sandigen Boden Pakistans auf. Als die Türen sich öffnen, ist die Sicht durch den Staub leicht eingeschränkt. Heraus kommen mehrere Männer unterschiedlicher Nationalität. Einer von ihnen fällt besonders auf. Er macht einen lässigen Eindruck, trägt eine Sonnenbrille um sich vor der prahlenden Sonne Pakistans zu schützen. Ihm werden die Kämpfer vorgestellt. Er geht, begleitet durch einen Dolmetscher, an den Kämpfern vorbei, bemüht sich jeden einzelnd zu begrüßen, ihnen die Hand zu schütteln. Den Kämpfern wird gesagt, sie sollen sich um den Ausländer stellen. In einer anspornenden Tonlage beginnt dieser seine Rede, von seinem Dolmetscher wird sie ins Afghanische übersetzt.

„Das Land dort drüben“, er zeigt mit dem Finger zur Grenze in Richtung Afghanistan, „…gehört euch“…. „Gott ist auf eurer Seite“.

Bei dem Mann handelt es sich um Zbigniew Brezezinski, bei den Kämpfern um die sogenannten „Freiheitskämpfer“, die Mudschaheddin. Er war zu dieser Zeit Sicherheitsberater des Präsidenten Jimmy Carter und wird seinen Einfluss auf die US-amerikanische Politik mehr oder minder über die nächsten vier Jahrzehnte behalten, sie werden sich radikalisieren, sich Al-Qaida nennen und schließlich mit Flugzeugen ins World-Trade-Center fliegen. Mit diesem Gewaltakt werden sie den globalen „Kampf gegen den Terror“ provozieren, welcher Millionen Tote nach sich ziehen wird. Er wird sie zu Beginn ihrer Terrorkarriere finanziell unterstützen.

Lauscht man seiner Rede vor den Mudschaheddin, lässt sich anhand des leichten Akzentes schon sein familiärer Hintergrund erraten. Die polnische Herkunft Brzezinskis trug vermutlich wegen der „Stalinisierung“ Polens zu einer generellen Abneigung gegenüber der Sowjetunion und dem späteren Russland bei. In zahlreichen Interviews, äußerte er sich bezüglich der Sowjetunion dementsprechend. Es bestünde die Notwendigkeit, den Sowjets „ihr eigenes Vietnam“ zu bereiten (Original: “We now have the opportunity of giving to the USSR its Vietnam war”), sie aus Afghanistan zu vertreiben, sie finanziell zu schwächen, sie zu ruinieren. 1979 überzeugte er den damals amtierenden Präsidenten Jimmy Carter im Rahmen der „Operation Cyclone“ die Muddschahedin im Kampf gegen die Sowjets auszurüsten und sie somit aus Afghanistan zu vertreiben. Der Preis, um diese Ziele zu erreichen sollte vor Tod und Leid nicht Halt machen. In einem Interview gefragt, ob sich Nutzen und Kosten bei der Bewaffnung ausglichen, antwortete er: „What is most important for world history? The Taliban or the fall of the Soviet Empire? Some Islamic hotheads or the liberation of Central Europe and the end of the cold war?“.

Was Brzezinski als „Hitzköpfe“ bezeichnete, sollte sich später zu der für viele Weltbürger gefühlt größten Bedrohung im Weltgeschehen entwicklen. Die seit 1979 von der CIA und dem pakistanischen Geheimdienst ISI mit Waffen belieferten Mudschaheddin waren damals noch nicht zwangsweise die verklärten Terroristen, die wir seit 2001 verstärkt aus der Röhre kennen. Viele Kämpfer waren ganz normale Menschen, beispielsweise Arbeiter oder Bauern, die ihr Land vor der sowjetischen Besatzung verteidigen wollten, welche zuvor durch einen Putsch eine kommunistische Regierung an die Macht brachte. Den jungen Männern Afghanistans blieben in den achtziger Jahren im Grunde nur wenige Optionen: sich der Armee anzuschließen, was im damaligen Afghanistan gesetzlich verlangt wurde, sich dem Widerstand, den Muddschahedin, anzuschließen oder allein oder mit der Familie aus dem Land zu fliehen, wofür sich eine erhebliche Anzahl von Menschen entschied, weil sie nicht „gegen ihre eigenen Brüder“ kämpfen wollten. Weil sich viele auch zu ersterem und zweiterem entschieden, oder dazu gezwungen wurden, kam es auch nach dem Abzug der Sowjetunion zu einem lang andauernder Bürgerkrieg in Afghanistan.

Die Zuordnung des durchschnittlichen Muddschahedins in die Kategorie „ganz normale Menschen“ ändert nichts an der Tatsache, dass sich unter ihren Anführern ideologische Verblendung breit machte. Es verwundert kaum, da sich auch der saudiarabischstämmige Osama Bin Laden im Zuge des „Freiheitskampfes“ nach Afghanistan aufmachte, um als Sohn eines reichen Saudis als Finanzier der Mudschaheddin aufzutreten… und im Laufe seiner „Karriere“ als international agierender Terrorist auch von der amerikanischen Aufrüstung der späteren Terroristen profitierte. Die Bewaffnung von Terroristen bzw. radikalen islamistischen Kämpfern sollte leider keine historische Ausnahmeerscheinigung bleiben. Mit der Kooperation von NATO-Staaten mit der Ushtria Çlirimtare e Kosovës, kurz der UCK, eine albanische Kampftruppe die während des Kosovokrieges mit Al-Qaida paktierte oder der Unterstützung “moderater Rebellen”, die in Syrien gegen Assad kämpfen, lassen sich hier immer wiederkehrende Muster erkennen, welche immer wieder neue menschentötende Terroristen produzieren und ihre Organisationen immer wieder stärken. Wie „gemäßigt“, oder auch nicht, die heute von westlichen Geheimdiensten unterstützen „moderaten“ Rebellen sind kann man in dem Grübelstübchen-Artikel „Western-made-failed-state…und keine Sau interessierts“ nachlesen.

Zbigniew Brzezinski erntet für seine Ansprache vor den Muddschahedin kamerawirksam Applaus. Wusste Brzezinski in dem Moment, dass die Muddschahedin sich neben Kampfrufen und Gottespreisungen, „Allahu akbar“, auch mit Hassrufen gegenüber der USA äußerten: „Tod den Amerikanern“ (Youtube-Video bis 01:52)? Um Hass gegenüber den „Ungläubigen“, später also Hass gegenüber dem Westen und den „westlichen Werten“, zu schüren, haben die US-Regierung und ihre Geheimdienste schließlich nicht gegeizt. Es wurde salafistisches Lehrmaterial, welches eine radikale Auslegung des Dschihad prädigte, auf Kosten der CIA sogar in afghanische Schulen gebracht, womit sich durchaus sagen lässt, dass damit der Keim für den globalen Terrorismus gelegt wurde.

Zynisch könnte man sagen: „man erntet was man sät“. Dies wäre jedoch ein Hohn gegenüber den vielen am 11.09.2001 in New York und im darauf folgenden „Kampf gegen den Terror“ Gestorbenen und ihren Angehörigen. Laut Brzezinski haben sich all diese Tode jedoch gelohnt. Ein paar „Hitzköpfe“ sind schließlich angesichts des Falls des Sowjetimperiums ein sich Waage haltender Preis. Brzezinski stieg nach seiner Rede wahrscheinlich gemütlich in den schon warm gelaufenen Helikopter. Dass die Muddschahedin vielleicht schon bei Abflug „Tod den Amerikanern“ riefen interessierte ihn sicherlich wenig. Ein erfolgreicher Tag für ihn und seine Leute, eine bittere Zukunft für die Menschheit. Die Rotoren verstummen langsam in der Ferne. Und die Geschichte wird ihrem Lauf überlassen.

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