Sprachverwendung in Schulgeschichtsbüchern- eine ideologiekritische Untersuchung

(Die volle Ausarbeitung gibt es hier. In der PDF-Datei gibt es noch ein paar gravierende formale Fehler, welche bei Gelegenheit begradigt werden. Es handelt sich um eine fachdidaktische Ausarbeitung. Leser die sich nicht für die fachdidaktische Theorie interessieren, da diese thematisch nicht in die sonst üblichen Themenbereiche des Grübelstübchens passt, sei das Lesen der Einführung und das Springen in Kapitel 3 empfohlen. In dem Fall sei jedoch angemerkt, dass Analysen der verwendeten Sprache in Schulgeschichtsbüchern in der Fachdidaktik eine Seltenheit darstellen. Nachfolgend die Einleitung und das Fazit)

Sprache nimmt einen zentralen Stellenwert in der Vermittlung, der Rezeption sowie der Konsolidierung und Anwendung von historischem Wissen und Methodenkompetenzen ein. Das geschriebene und gesprochene Wort ist für den Geschichtsunterricht unerlässlich und erfordert eine in der Unterrichtspraxis angewandte fachspezifische Sprachnorm, welche eindeutig und für Schüler und Lehrer unmissverständlich ist. Da im Unterricht den Schulbüchern bei der Vermittlung von historischen Sachverhalten eine große Bedeutung zukommt, sollte die angewandte Sprache in diesen bestimmten Normen, welche Objektivität und Wertungsfreiheit abfordern, entsprechen. Die vorliegende Arbeit soll ein modernes Schulgeschichtsbuch auf die Einhaltung dieser Idealziele überprüfen und einen Beitrag zur Untersuchung der Sprachverwendung in diesen leisten. Um diesen Zweck zu erfüllen wird im zweiten Teil der Ausarbeitung ein Abriss über den fachdidaktischen Stand zum Thema Sprachverwendung, speziell in Schulgeschichtsbüchern, gegeben. Dabei wird sich zeigen, dass sie sich in den letzten 80 Jahren bezüglich des Anteils von wertenden Sprachwendungen mit andauernder Zeit ins Positive gewandelt hat. Diese Wandlung liegt der Ausgangsfrage zugrunde, welche klären soll, ob derzeit in Schulen eingesetzte Lehrbücher als ideologiefrei bezeichnet werden können. Im dritten Teil der Ausarbeitung wird deswegen ein modernes, derzeit in Schulen eingesetztes, Geschichtsbuch untersucht, um einen Schluss über den derzeitigen Stand von Lehrbüchern in der Geschichte bezüglich der Frage, ob in diesen eine klar verständliche und wertneutrale Sprache gebraucht wird, zu ziehen.

[…]

In der Ausarbeitung wurde das Schulgeschichtsbuch Geschichte und Geschehen zu den Themen Ost-West-Konflikt, Globalisierung und Terrorismus untersucht. Dabei wurden verschiedene Passagen gefunden, welche ideologische Formulierungen enthalten. Hierbei konnte eine Tendenz ausgemacht werden, die historische Akteure in Eigen- und Fremdgruppen unterteilt, ohne klar parteinehmende Worte wie „wir“ und „unser“ zu benutzen. Vielmehr wird das Fremde durch negative Umschreibung, das Eigene hingegen stets positiv dargestellt. Dieser Umstand kommt nicht zwingend durch aktive Einflussnahme und Manipulation zustande, vielmehr ist er ein Produkt aus Lebensumständen und Gewohnheiten der Autoren, aber auch der gesamten Gesellschaft in der sie sich befinden. Die „Anderen“, beispielsweise die ehemalige Sowjetunion oder arabische Terroristen, erfahren reflexartig eine andere Behandlung, werden ausgegrenzt, als gefährlich und „zum Glück“ überwunden oder bekämpfenswert wahrgenommen. Diese Reflexhaftigkeit artikuliert sich in bestimmten sprachlichen Mustern, welche sich gesellschaftlich einpendeln und von Schülerinnen und Schülern internalisiert werden. Sie können jedoch den Blickwinkel einengen und machen bestimmte Denkrichtungen unmöglich.

Die Abneigung gegen das Fremde lässt sich nur überwinden, wenn bewusst auf derartige Muster in Schulbüchern, aber auch in der Gesellschaft, geachtet wird. Dabei sollte immer im Hinterkopf behalten werden, dass „Gewinner“ bekanntlich Geschichte schreiben, weshalb es ein leichtes ist negativ über vermeintliche „Verlierer“ zu schreiben und auf diese den Fokus der Kritik zu legen. Wenn Gräueltaten der eigenen Seite jedoch verschwiegen oder durch den Verweis auf die gute Absicht der Handelnden hingenommen werden, lässt sich nicht aus der Geschichte lernen. Sollen Schülerinnen und Schüler zu mündigen Bürgern werden, die Anteil an demokratischen Gesellschaftsprozessen nehmen, dürfen diese keinen wertenden Darstellungen ausgesetzt werden, welche nicht ausreichend erklärt werden. Das Schulbuch ist ein möglicher Ausgangspunkt dafür, weshalb Lehrerinnen und Lehrer diese stets kritisch betrachten und über ihren Ideologiegehalt diskutieren sollten.

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2 Antworten zu Sprachverwendung in Schulgeschichtsbüchern- eine ideologiekritische Untersuchung

  1. sascha313 schreibt:

    Lehrer haben einen nicht unerheblichen Einfluß auf die Einstellungen und die politische Bildung der Schüler. Wobei man nicht außer Acht lassen kann, daß auch Lehrer „Bedienstete“ des bürgerlichen Staates sind, und also in dessen Auftrag handeln. Sie verbreiten also eine bürgerlich-kapitalistische Weltanschauung. Es ist interessant, heute einmal Schulbücher der DDR mir denen der BRD zu vergleichen:
    https://sascha313.wordpress.com/2015/08/14/schulbuecher-in-der-brd-und-in-der-ddr/

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    • karolwojci schreibt:

      Der Artikel und der zu der „antikommunistischen Manipulierung“ sind sehr interessant. Ich habe ähnliche Erfahrungen bei meinen Überlegungen zu dieser Arbeit gehabt. Die in ihrem Artikel zitierte Passage aus dem Lehrbuch hat in der Tat eine sehr grundlegend falsche und sehr einseitige Darstellung des Wirtschaftssystems, ein eindrückliches Beispiel! An den Formulierungen kann man erraten, aus welchen Kreisen sie kommen: „alternativlosen Form der Wohlstandserzeugung“. Während ich in meinen Überlegungen allgemeine gesellschaftliche Überzeugungen als Erklärung gab, muss man wie in ihrem Artikel von einer gezielten Manipulierung ausgehen (um nicht „bewusste Verdummung“ zu sagen). Praktisch kann man das an der überwältigenden Dominanz der „Marktkonformität“ erkennen, die sich beispielsweise in Schulzeitverkürzungen, PISA-Studien und (ihre Folgen) „Kompetenz“orientierungen äußern. Dass bei dieser Überlegenheit dann nur lobende Worte zum status quo in Lehrbüchern zu finden sind verwundert nicht.

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