„Western-made-failed-state“- und keine Sau interessierts

Jede Generation sieht sich mit dem selben Problem konfrontiert. Staatliche Institutionen täuschen periodisch die Öffentlichkeit- sei es durch Verschweigen oder strikte Lügen. Es ist schwer zu sagen, wie viele Täuschungen noch unbemerkt darauf warten „geleaked“ oder  „gewhistleblowed“ zu werden oder für immer unaufgedeckt bleiben. Kommt eine solche Lüge ans Tageslicht und wird sie auch in ausreichender Form medial verarbeitet, zeigen sich in den darauffolgenden Reaktionen stets ähnelnde emotionale Muster: Empörung, Enttäuschung, Wut, Resignation. Die zentrale Frage ist dann: Wie konnte man sich derart täuschen lassen?

Wie konnte man schlucken, dass vietnamesische Boote US-amerikanische Kriegsschiffe im Golf von Tonkin vor der Küste Nordvietnams angriffen?  Wie konnte man Joschka Fischer und Rudolf Scharping abkaufen, dass die jugoslawische Regierung im Rahmen des „Hufeisenplans“ Fußballstadien in Konzentrationslager umbaute, um eine ethnische Säuberung an Kosovoalbanern durchzuführen? Wie konnte man der durch die amerikanische PR-Agentur Hill & Knowlton gecastete Tochter des kuwaitischen Botschafters in der USA abnehmen, irakische Soldaten gingen in kuwaitische Krankenhäuser und legten Babys aus Brutkästen auf den Boden, um sie sterben zu lassen? Wie konnte man George W. Bush abkaufen, Saddam Hussein hätte Massenvernichtungswaffen?

Jede dieser Geschichten stellte seinerzeit nur eine Behauptung dar. Jede dieser Behauptungen stellte sich als Lüge heraus, doch führte seinerzeit zu Bombardierungen oder Kriegen. Und jeder dieser Kriege forderte zahlreiche Tote: der Vietnamkrieg allein über drei Millionen, der Irakkrieg hunderttausende. Jeder dieser Toten führte bei den Zeitzeugen  zu Empörung, Enttäuschung, Wut und Resignation. Besagte Emotionen führen zumindest zeitweise zu der Erkenntnis, dass man seiner Regierungen genauer auf die Finger schauen sollte.

Doch diese Erkenntnis hält nicht lange an. Drei Monate ist es her, dass ein Dokument des Nachrichtendienstes Defense Intelligence Agency (DIA) deklassifiziert wurde, aus dem hervorgeht, dass die Vereinigten Staaten über die mögliche Entstehung eines islamischen Kalifats gewusst haben. Das 2012 verfasste Papier besagt, dass „Salafisten, die Muslimbruderschaft und al-Qaida im Irak“ die treibenden Kräfte des Aufstands in Syrien, sprich der bewaffnete Kampf gegen den syrischen Präsidenten Assad, waren und zugleich „der Westen, die Golfstaaten und die Türkei“ die Opposition unterstützten. Mit anderen Worten: der Westen und seine Verbündeten halfen radikal-islamischen Gruppen in Syrien, die sich den Dschihad auf die Fahnen geschrieben haben, finanziell und militärisch aus. Weiter heißt es: „Wenn sich die Situation entwickelt, besteht die Möglichkeit der Errichtung eines offiziell ausgerufenen oder inoffiziellen salafistischen Fürstentums in Ostsyrien.“ Dies könnte man als Warnung interpretieren, was vielleicht auch als solche gemeint war. Später steht jedoch: „und das ist genau das, was die Unterstützer der Opposition wollen, um das syrische Regime zu isolieren.“ Die Gefahr der Entstehung eines Islamischen Staates, zu dem es im weiteren Verlauf bekanntlich kam, wurde im Jahr 2012 also schon erkannt. Das Pentagon nahm dies jedoch in Kauf, weil sich somit die Möglichkeit eröffnete die verhasste syrische Regierung destabilisieren und vielleicht sogar stürzen zu können.

Als dieses brisante Papier veröffentlicht wurde, konnte man in verschiedenen Zeitungen darüber lesen. Die meisten Autoren waren sich über die Wucht des Inhalts einig: eine Mitschuld des Westens an der Entstehung des Islamischen Staates. Lediglich der Spiegel meinte noch es in einem Artikel relativieren zu müssen, mit Argumenten die ich beim besten Willen nicht nachvollziehen kann.

Doch seitdem ist diese heikle Information aus der Presselandschaft verschwunden. Ihr folgte keine Empörung, Enttäuschung, Wut und Resignation und erst Recht keine Protestwellen. Dabei wurde der Öffentlichkeit doch nahezu täglich die Worte „gemäßigte Rebellen“ um die Ohren geschmissen. Jede Tagesschau erzählte uns, es handle sich um „moderate Aufständische“, welche von den USA mit Waffen beliefert werden sollen. Eine eins zu eins kopierte Formulierung aus dem Weißen Haus, verkündet als „Tatsache“, die sich in zahlreiche Köpfe einbrannte, einschließlich meinen eigenen.

Es scheint schon Tradition zu haben, radikale Gruppierungen aufzubauen, die sich dann später zum großen Problem für sich selbst entwickeln, während man die Öffentlichkeit fehlinformiert. Produkt solcher Lügen ist der Islamische Staat, abgetrennte Köpfe und massive Flüchtlingswellen nach Europa, die uns tagtäglich beschäftigen.

Wie konnten wir das Märchen über die „guten Rebellen“ schlucken? Wie konnten wir uns derart täuschen lassen?

Diese Fragen wird heute gar nicht mehr gestellt.

Wir erzeugen einen Western-made-failed-state und keine Sau interessierts.

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