Blutspuren in den Bluejeans

In den letzten Tagen hat das Europaparlament über Rohstoffe aus Krisengebieten diskutiert und stimmte für einen verpflichtenden Herkunftsnachweis für Rohstoffe (taz, 21.05.15, S.8). Was würde es für uns bedeuten, wenn diese Regelung sich in den EU-Mitgliedsstaaten durchsetzen sollte?

Beim Kauf eines neuen Handys macht sich kaum ein zukünftiger Besitzer darüber Gedanken, ob Menschen für die Gewinnung des nötigen Materials versklavt wurden oder starben. Die bisherige Handhabung mit Rohmaterialien ist ja auch so, dass große Firmen stets gewillt sind, diesen Sachbestand zu vertuschen. Man schaue sich beispielsweise die Doku „Blutige Handys“ an, bei dem die großen Mobilfunkunternehmen dem Macher der Doku, Frank Piasecki Poulsen, keine Fragen beantworten wollen und ihn abwimmeln. So hat er sich selbst in eine Coltanmiene im Ostkongo begeben und die dortigen Zustände gefilmt: Hungerlöhne und Kinderarbeit, überwacht von bewaffneten Militanten. Der ganz normale Alltag.

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Kinderarbeit in einer Coltanmiene im Kongo (Quelle)

Diese Praxis läuft schon seit geraumer Zeit ab. Dagegen bildet sich auch kein nennenswerter Widerstand. Ganz im Gegenteil: Während die Zustände vertuscht werden, unterstützen wir das ganze noch. Europäer, Amerikaner, Australier, immer mehr Asiaten und Afrikaner, fast jeder hat ein oder mehrere Handys in der Tasche oder im Handtäschchen. Durch die zur Mode gewordene Praxis, sich nahezu jedes Jahr ein neues Handy anzuschaffen und das alte zu verschrotten, um eine zusätzliche sinnlose Funktion zu erhalten, die ein Bedürfnis befriedigt, von dem man zuvor noch gar nicht wusste, das man es hat, verschärft das Ganze noch.

Würde die geplante Europaparlaments- Regelung diesen unüberlegten Kaufrausch bremsen oder zumindest mindern? Würde der Hinweis darauf, dass das frisch erworbene Handy „Blut-tantal“ enthält, den Konsumenten zu einer anderen Kaufentscheidung verleiten? Wahrscheinlich schon. Doch natürlich ist diese Transparenz einigen Gruppen nicht genehm: großen Konzernen, deren Verluste geschmälert wären, wenn wir über die Herkunft der Rohstoffe Bescheid wüssten. Da die Unzufriedenheit der Konzerne stets auch (zufälligerweise) mit einer Unzufriedenheit der CDU korreliert, ist es nicht verwunderlich, dass vor allem konservative und liberale Politiker bei der Abstimmung dagegen gehalten haben. So ist Daniel Caspary von der CDU beispielsweise der Meinung, dass die Regelung zu „komplex“ sei und die Existenz kleinerer Rohstoffmienen gefährden würde. Damit hat er nicht unrecht: Die Mienen der Warlords, bzw. der „Lords of War“, wären in der Tat gefährdet. Die Arbeitsstelle des bewaffneten Militanten im Kongo wäre gefährdet.  Auch gefährdet wären die schwarzen Zahlen der großen Handykonzerne, welche dafür sorgen, dass das Blut aus unseren Hosentaschen nur so trieft.

Die 28 EU-Staaten müssen die Regelung noch ratifizieren, damit sie Gültigkeit erlangt. Angesichts der Macht der Lobbyisten auf die Politiker kann man sich jedoch die geringe Wahrscheinlichkeit dafür ausrechnen. Es ist eher anzunehmen, dass Szenen, wie sie in dem Hollywoodstreifen „Blood Diamond“ zu sehen sind: Hinrichtungen, Kindersoldaten, Verstümmelungen, mit jeder SMS oder Whatsapp-Nachricht, die ganz alltägliche Realität Afrikas bleiben und diese Realität mit dem Aufkommen von Iphone 7,8,9 usw. noch weiter festigen werden, um die Gewinne westlicher Firmen zu sichern.

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Szene aus "Blood Diamond"- bewaffnete Milizen plündern Dörfer, bilden 
Kindersoldaten aus und versklaven Menschen, um nach Diamanten zu suchen 
(Quelle)

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