Ein Tag mit einem US-amerikanischen Beamten

27.03.2003, Gefangenenlager der Guantanamo Bay Naval Base

„…die Terroranschläge auf das World Trade Center… lösen immer wieder Kontroversen über die Maßnahmen gegen den Terror aus… Präsident George W. Bush erklärte den War on Terrorism… das Gesetz USA PATRIOT Act soll die Staatsbeamten befähigen, für Gerechtigkeit zu sorgen…“. Langsam sollte ich aufstehen, sonst weckt der Radiowecker noch die Kinder. Die haben doch schulfrei… Ich bin spät dran, zum Glück kann ich meine Arbeitszeit flexibel einteilen. Ob die anderen schon ohne mich angefangen haben? Schnell die Zähne putzen, Brötchen und Kaffee mit ins Auto. Autoradio an. „Unsere Beamten bündeln alle Ressourcen, um mutmaßliche Mittäter der Anschläge ausfindig zu machen“. Die beschissenen Afghanen breche ich noch. Ich stehe kurz vor dem Durchbruch.

Endlich angekommen. „Camp Delta“. Karl am Kontrolltor wie immer gut gelaunt: „Na heut wieder Verbrechen bekämpfen, Chef?“. Wenn der wüsste was wir da drinnen machen. Ob er dann immer noch so fröhlich wär? Zumindest ein Unbehagen würde auf ihm lasten. Aber insgesamt steht das amerikanische Volk hinter uns. Sie wollen Rache. Für die 2.989 Toten. „Irgendwer muss die Pakis jagen Robert. Zusammen schaffen wir das schon.“ Lustig wie er sich immer freut wenn ich sowas sag. Ich sehe im Rückspiegel, dass ich noch Schlaf in den Augen habe und reibe es mir weg. Während ich in Schrittgeschwindigkeit in Richtung meines Parkplatzes tuckre.

Endlich im Büro. Die Protokolle von gestern liegen auf dem Schreibtisch. Wow, die Jungs haben gestern bis fünf Uhr morgens gemacht. Waterboarding. Eigentlich eine nette Idee. Aber bislang nicht sonderlich effektiv. Ich geh kurz die Videoaufnahmen durch. Die haben das Schwein diesmal kopfüber aufgehangen. Kreativ. Sind schon wieder bei einer runden Zahl. 150. Ein Bauchgefühl sagt mir, dass er bald gestehen wird. Unabhängig davon ob er überhaupt in die Anschläge involviert war. Wer würde es nicht? Ich jedenfalls würde mich nicht auf weitere 150 Spülungen freuen.

Ich mach meinen morgendlichen Kontrollgang und laufe pfeifend durch das Gebäude. Die Waschmaschine läuft noch. Hoffentlich hat die Dame vom Housekeeping den neuen Fleckenreiniger verwendet. Getrocknetes Blut geht schwer raus.

Der Geräteraum ist aufgeräumt. Nur die von Joe mitgebrachte Bohrmaschine liegt frei rum. Wahrscheinlich hat er sie sich zum Mitnehmen rausgelegt und vergessen. Beep Beep. Ne Nachricht von Jimmy aus Stare Kejkuty. Liegt in Polen, glaube ich. „Probiers mal mit Schlafentzug. Die Kebabfresser gehen dabei voll unter, lol“. Interessant. Aber wahrscheinlich zeitaufwändig… dafür müsste ich noch einen weiteren Mitarbeiter für den Nachtdienst einstellen. Ich werde trotzdem darüber nachdenken. Wenn ich es machen sollte schweben mir schon Rockmusik und Rauschen vor. Ich schreibe zurück: „Danke für den Tipp! Versuchs mal mit Russisch Roulette.“

Die Verhör-räume sind zurzeit alle belegt. Haben grad ne frische Ladung Pakis reinbekommen. Ich hab echt das Gefühl, dass die Pechvögel zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Sollen aber trotzdem sicher gehen. Anweisung von ganz oben. Zumindest wurde uns nochmal zugesagt, dass wir im Falle eines Öffentlichwerdens unserer Methoden von den obersten Politikern als amerikanische Helden gepriesen werden.

 Im Raum 101-02 haben wir die Kühlung voll aufgefahren und einen Afghanen an den Boden gefesselt. Sieht vielversprechend aus. Im Nebenraum ist dieser Kamelficker, der seit Tagen im Hungerstreik ist. Dem schieben wir Hummus hinten rein. Gestern gabs Nudeln mit Sauce und vorgestern Nüsse mit Rosinen. Hat deswegen schon versucht seine Ader mit den Zähnen aufzubeissen. Wer sich das ausgedacht hat muss irgendeinen kranken Fetisch haben. Jedenfalls hat es seine Methode bis ins Kubark-Manual geschafft.

Abdul im Raum 101-07 ist ein besonders heikler Fall. Den werde ich selbst bearbeiten. Endlich kann ich mal auf mein Wissen aus meinem Psychologiestudium zurückgreifen. Ich sage ihm, dass ich seine Mutter vergewaltigen werde. Ich zeige ihm Bilder von seiner Frau und seinen zwei Söhnen, Mehmed und Ali. Ich sage, dass ich sie umbringen werde. Er verfällt in Panik. Ich mache ihm vor, was ich mit seiner Familie machen werde, wenn er nicht gesteht. Noch bevor Joe´s Bohrer ihn überhaupt berührt, wird er ohnmächtig.

Endlich Wochenende. Die Kinder warten sicherlich schon. Ich habe die Woche viel und hart gearbeitet. „Wie war dein Tag Schatz?“. „Nichts Besonderes. Ein ganz normaler Arbeitstag“. Während ich so mit meiner Frau am Kamin sitze kommt mir dieser lustige Gedanke: als wir die Deutschen besiegten, verurteilten wir die, welche Juden und Oppositionelle folterten, in den Nürnberger Prozessen zum Tode. Ob wir mal in ähnlichen Verfahren, beispielsweise in den „Altlanta Prozessen“ verurteilt werden? Haha- guter Witz. Wir operieren jenseits des Gesetzes. Keiner wird die Eier haben, uns ernsthaft zu verklagen. Und wenn doch, sind wir eh schon alt und grau.


Die hier geschilderten Foltermethoden habe ich mir nicht ausgedacht. Sie kommen aus dem CIA-Folterbericht, der letztes Jahr veröffentlicht wurde. Darin wird eingeräumt, dass die Foltermethoden keinen Nutzen haben. Von Konsequenzen für die Verantwortlichen ist keine Spur zu sehen, ganz im Gegenteil: die Tatsache, dass man im unserem System frei darüber sprechen kann, wurde gelobt. 

Es entflammte auch keine Debatte über die Anschläge auf die Twin Towers. Zu den Schlüssen, dass die auf die Anschläge folgenden Gesetze Folter legitimierten und der 11/9-Untersuchungsbericht auf Folter basierte, obwohl der mangelnde Nutzen dieser offen gelegt wurde, kam in den Leitmedien keiner.

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