Zerstückelt für die Demokratie

Italien. 31. Mai 1972. Die Carabinieri bekommt einen Anruf, der die Militärpolizisten zu einem in der Nähe des italienischen Dorfes Peteano geparkten Auto führt. Als einer der Carabinieri die Motorhaube öffnet, geht eine Autobombe in die Luft. Drei von ihnen sterben, einer wird verletzt. In der Nähe von Triest wird später ein Lager mit Waffen, Munition und Sprengstoff gefunden. Beides wird aufgrund eines anonymen Anrufs mit der Roten Brigade, einer linken terroristischen Vereinigung, in Verbindung gebracht und diese dafür verantwortlich gemacht… bis über ein Jahrzehnt später herauskommt, dass der Anschlag im Auftrag der NATO durchgeführt wurde!

…welche eng mit rechten faschistischen Organisationen zusammenarbeitete, um die Gesellschaft in Angst und Schrecken zu versetzen. Viele darauf folgende Anschläge wurden seitdem aus höchsten Regierungskreisen und der NATO in Auftrag gegeben und durch eine bunte Mischung aus Geheimdiensten, Faschisten und Militär geplant und durchgeführt. Ziel war es, die immer stärker werdende kommunistische Partei Partito Communisto Italiano, welche zwar stark im Parlament vertreten war, aber keine Ministerposten bekam, zu schwächen. In einer Zeit, in der sich europaweit Friedens- und Protestbewegungen bildeten, die unter amerikanischer Führung durchgeführte Kriege, beispielsweise im Vietnam, missbilligten und kritisierten, stieg die Zustimmung nicht nur für die Rote Brigade, welche seinerzeit ähnlich wie die Rote Armee Fraktion in Deutschland, gezielt Personen die sie dem „staatlichen Apparat“ zurechneten entführten und ermordeten, sondern auch für linke Parteien, die den Kommunismus in ihrem Wahlkampf verfolgten. Nach einer Serie von Anschlägen der Roten Brigade in den siebziger Jahren, die um die 75 Tote forderten, wurden viele ihrer Führungspersonen festgenommen und ins Gefängnis gesteckt. Ja, es gab mal eine Zeit, in der Terroristen nicht direkt mit dem Militär bekämpft und erschossen, sondern mit polizeilichen Mitteln verhaftet und eingesperrt wurden. Nach dieser Welle von Festnahmen hörte der Terror jedoch nicht auf, er intensivierte sich sogar. Es wurden nicht mehr gezielt einzelne Bänker, Militärs oder Minister angegriffen. Der nun präsente Terror wählte gezielt Orte, an denen sich Menschen versammelten, beispielsweise Marktplätze, auf denen Bauern ihre Ware verkauften. Allein 1969 explodierten in Mailand und Rom vier Bomben auf öffentlichen Plätzen, 16 Menschen starben, 80 wurden verletzt. Es folgten zahlreiche Bombenanschläge mit Hunderten von Toten. Die NATO tötete seine eigenen Bürger, verwischte die Spuren, lies sofort vermeintliche linke „Terroristen“ festnehmen und deckte die Nationalisten, die als Handlanger diese blutigen Jobs erledigten.

Diese Information habe ich allein den ersten drei Seiten des Buches: „NATO-Geheimarmeen in Europa- inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung“ von Dr. Daniele Ganser entnommen. Es handelt sich um eine als Buch herausgegebene Dissertation, die mit dem schweizerischen Grad insigni cum laude, ein „sehr gut“,  bewertet wurde und daher für eine gewissenhafte Recherche spricht, soweit man unserem universitären Bewertungssystem trauen kann. Es folgen 356 Seiten, auf denen beschrieben wird, wie staatliche Institutionen in Zusammenarbeit mit Faschisten terroristische Angriffe durchführten, um die Schuld auf die kommunistischen Parteien abzuwälzen. Es wird beschrieben, wie die NATO sogenannte „stay-behind-Armeen“ bildete, um im Falle einer „kommunistischen Invasion“ durch die Sowjetunion eine antikommunistische Guerillatruppe in den europäischen Ländern kampfbereit zu haben, „Operation Gladio“ genannt, italienisch für Schwert. Italien bildete aber keinen Ausnahmefall. Es folgen Kapitel, die die Präsenz dieser Kampftruppen in Großbritannien, USA, Frankreich, Spanien, Portugal, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, Norwegen, Deutschland, Griechenland und der Türkei abhandeln. Eigentlich schauert es mich davor, dieses Buch weiterzulesen.

Die Frage, ob ein Mord an Wenigen für den Erhalt der Gemeinschaft gerechtfertigt ist, driftet schnell ins Philosophische ab. Ich denke, dass die Meisten diese Frage mit einem „ja“ beantworten würden, wenn es sonst das Auslöschen einer ganzen Bevölkerung bedeuten würde. Im zugrunde liegenden Fall haben wir es aber mit dem bewussten Mord an Unschuldigen zu tun, um ein durch eine elitäre Schicht etabliertes System, grob dem Kapitalismus mit einer scheindemokratischen Gesetzgebung, zu erhalten. Paradoxerweise bediente sich bei diesen Anschlägen eine Institution, die sich als Verteidigungsbündnis demokratischer Staaten versteht,  gewaltvoller Mittel, um das, was eine Demokratie ausmacht, Meinungsfreiheit der Bürger, zu manipulieren. Besonders erschreckend hierbei ist, dass die Brutalität der Anschläge die der vorhergehenden linken Terroristen bei Weitem übersteigt. Auch sollte man sich vergegenwärtigen, dass diejenigen die nicht davor zurückschreckten, Terror zu inszenieren und dabei Unschuldige umzubringen, auch heute noch für die Geschicke der westlichen Länder verantwortlich sind. Es sind die, die wir in ihren hohen NATO-Positionen reflexartig als „die Guten“ annehmen. Die, welche Forderungen nach „Aufrüstung“ stellen und provokative Militärmanöver an den NATO-Außengrenzen durchführen lassen. Anscheinend gehört es zu ihrem ganz „normalem Job“, auf Kosten der Steuerzahler, Steuerzahler umzubringen.

Sind solch schreckliche Taten passé? Mit Sicherheit nicht. Denn dass wir überhaupt von der Existenz dieser Geheimarmeen wissen, verdanken wir allein den hartnäckigen Recherchen einzelner Richter und Wissenschaftler, die sich entgegen dem Strom und mit allen Risiken damit beschäftigten. Von staatlicher Seite wurde natürlich alles dafür getan, keine Informationen ans Licht zu bringen. Man muss auch bedenke, dass Geheimdienstdokumente einer Geheimhaltungsklausel unterliegen und je nach Land zwischen 50 und sogar über 100 Jahre nicht veröffentlicht werden dürfen und dann oft nur geschwärzt erhältlich sind. Sie können sogar länger einbehalten werden, wenn die „nationale Sicherheit“ auf dem Spiel steht, was einer gründlichen Aufklärung im Wege steht. Ich sehe keinen Grund, warum staatlicher Terror heute nicht mehr möglich sein sollte. Denn es hat durch das Schweigen und den ständigen Verweis auf die „nationale Sicherheit“ bisher keine vernünftige Aufarbeitung dieser staatlichen Terrorakte gegeben. Das Buch hat es zwar überraschenderweise zu einem Bestseller geschafft, der breiten Masse ist der Begriff Gladio jedoch weitgehend unbekannt. Faschisten, die damals besagte Anschläge durchführten und hunderte Leute in die Luft jagten oder verstümmelten, genießen noch heute dafür Strafimmunität.

Aus dem Grund sollte man jeden Anschlag kritisch durchleuchten und gründlich untersuchen. Problem: die vom Staat gestellten Untersuchungskommissionen werden einer sachgerechten Aufklärung schuldig bleiben, wenn Auftraggeber aus NATO-Kreisen erst einmal beschließen, sämtliche Beweise einzusacken und Anderen die Schuld zuzuweisen. Wem graut es da nicht zu hören, dass einige Stimmen, unter Anderen ex-Sowjetpräsident Gorbatschow, in dem Wiederaufkeimen der Ost-West-Konfrontation seit der Ukrainekrise einen „neuen Kalten Krieg“ sehen? Sollten wir ihnen, „den Russen“, und ihren „kommunistischen Ablegern im Westen“ nicht wieder die Schuld für sämtliche ungeklärte Tode in die Schuhe schieben, damit der russische Einfluss geschwächt wird? Es muss ja nicht immer der Böse aus dem Osten sein, vielleicht könnte man vermehrt islamisch motivierte Anschläge inszenieren, aus welchen Gründen auch immer. „False flag Operationen“ können auch anderweitig genutzt werden, beispielsweise um die Gesetzeslage zu verändern. Wäre es nicht schön, wenn man die Welt dahingehend verändern könnte, dass man seine Bürger einer Totalüberwachung unterstellen kann? Wir sollten aufmerksam unseren Regierungen auf die Finger gucken, da Machtmissbrauch in der menschlichen Natur liegt. Da die Presse ihrer Rolle als Überwacher der Regierung, der „vierten Gewalt“, anscheinend nicht gerecht wird, oder besser gesagt in dem Punkt kläglich versagt, um es klipp und klar auf den Punkt zu bringen, liegt es an den Bürgern, wachsam und kritisch auf die Taten der „Großen“ zu blicken und wenn es sein muss, meiner Meinung nach schon längst überfällig, massenhaft auf die Straße zu gehen. Es kann doch nicht sein, dass nahezu jeder große Krieg mit einer Lüge beginnt und die zugrunde liegenden Gegebenheiten nicht ausführlich aufgearbeitet werden. Oder, dass Bauern, die ihren Ertrag auf dem örtlichen Markt verkaufen wollen,  für den Erhalt der Demokratie erst einmal in Einzelteile zerstückelt werden müssen.

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