„Je suis al-Beidha“

Nach dem Attentat auf das Pariser Satiremagazin Charlie Hebdot hat es eine Welle an Solidaritätsbekundungen für die Opfer des Anschlages gegeben, allein in Paris gingen um die vier Millionen Menschen auf die Straßen. Auch weit über die Landesgrenze hinaus kann man auf Sozialen Netzwerken, Plakaten und Fußballtrikots die Solidaritätsausrufe „Je suis Charlie“ lesen. Seit Tagen widmen Nachrichtenformate rund die Hälfte ihrer Sendezeit dem grausamen Attentat von Paris. Auch gibt es kaum ein anderes Thema in den Zeitungen.

Dies ist sicherlich auf die besonders brutale Vorgehensweise der Terroristen zurückzuführen. Der Coup wurde professionell durchgeführt: ein Auto fährt vor, Hinrichtung von zwölf Menschen, „Allah akbar“, Schiesserei mit der Polizei. Die Täter waren noch nicht gefasst, wüteten in Tankstellen und verschanzten sich, eine ganze Nation war bedroht, das Land im Ausnahmezustand. Um die Brutalität abzurunden wurde auch noch ein auf dem Boden liegender Polizist kaltblütig erschossen. Das alles wurde auf Video festgehalten.

Dass zur selben Zeit in Nigeria durch die Terrororganisation Boko Haram 2000 Menschen innerhalb einer Woche massakriert wurden, geriet in den Medien vollkommen in den Hintergrund. Dazu gibt es kein Video.

Die Informationsaufnahme durch den visuellen Cortex hat bei Menschen westlicher Kulturen einen besonders starken Einfluss. Durch das Aufkommen des ersten nichtsymbolischen Alphabetes in der präaristotelischen Zeit, die Erfindung des Buchdruckes und schliesslich die Etablierung von Fernsehen und später Internet, hat sich unser dominantester Sinneskanal weg vom Akustischen hin zum Visuellen verlagert. Dies erklärt die starke Einflussnahme von Bildern auf die medienkonsumierende Masse, seien es die Giftgasopfer in Syrien oder der live übertragene Jahrhundertanschlag am 11. September. Traditionelle Stammesgesellschaften, beispielsweise in Afrika oder Südamerika, sind stark akustisch veranlagt. Ein Hinweis darauf findet sich im Jahre 1994 in Ruanda, wo das Radio als Propagandaorgan erfolgreich eine ganze ethnische Gruppe, die Hutus, zum Völkermord gegen die Tutsis aufrufte, wobei rund eine Million Menschen draufgingen. Durch den Export von Elektronik, welche den Rückgang von Stammesgesellschaften und den Rückzug ins Private vorantreibt, wird zunehmend die ganze Welt aufs Visuelle getrimmt. Die Redewendung „aus den Augen aus dem Sinn“ intensiviert sich mit dem Aufkommen weiterer visuell geprägter Medien, beispielsweise dem Smartphone.

So haben Bombenanschläge in Pakistan und Afghanistan meist den Status einer Meldung, vielleicht folgt ein „schlimm ist das“ mit anschließendem zügigem Umblättern der Zeitung durch den Leser auf die nächste Seite. Dass die dort lebenden Menschen tagtäglich mit der Angst leben, keinen öffentlichen Platz besuchen zu können, weil die Wahrscheinlichkeit einer Explosion zu hoch ist und dass Familien seit Jahren auf diese Weise Angehörige verlieren, sollte eigentlich ein ähnliches Maß an Trauer und Solidaritätsbekundungen erzeugen, wie sie derzeit in Europa ausgebrochen ist. Anscheinend haben wir uns an den alltäglichen Terror im Nahen Osten gewöhnt. Jetzt wird erstmal wieder debattiert, da uns der Terror vor die Haustür getragen wurde, wie den Symptomen des Terrorismus entgegengetreten werden kann.

Dabei wäre doch besonders jetzt, da sich al-Qaida im Jemen, auch wenn noch nicht bestätigt, zu den Anschlägen bekannt hat, eine genaue Analyse, wie diese Terrororganisation überhaupt entstanden ist und wie man in der Vergangenheit gemachte Fehler in Zukunft vermeiden könnte, zwingend notwendig.

Al-Qaida geht auf die siebziger Jahre zurück, als die Sowjetische Armee in Afghanistan einmarschierte, um der in der Saurrevolution an die Macht gekommene kommunistische Regierung im Kampf gegen eine von der CIA finanzierte Opposition beizustehen. Um den Sowjets „ihr eigenes Vietnam“ zu bereiten, betrieb die US-Regierung, unter Leitung von Zbigniew Brzezinski, Präsidentenberater von Johnson bis hin zu wahrscheinlich Obama, eine Ausbildung und Bewaffnung kampfbereiter Sunniten. Selbst Bücher mit „Hasslehren“, was später als Salafismus bekannt wurde, wurden von amerikanischen Steuerzahlern finanziert. Da mir die Wucht dieser Einsicht bis heute nicht in den Kopf geht, hier der Ausschnitt aus Wikipedia, der sich auf einen Artikel der Washington Post bezieht:

„Um den Widerstand gegen die Sowjetische Besatzung in Afghanistan anzuspornen, hatten die USA unter anderem mehrere Millionen Dollar in gewaltverherrlichende Lehrbücher investiert. Mittels dieser Bücher, die mit Gewaltdarstellungen, islamistischen Lehren und aus dem Zusammenhang gerissenen Koranversen gefüllt waren, wurde den afghanischen Schulkindern die Lehre vom Dschihad (Heiliger Krieg) nahegebracht. Diese Bücher wurden ebenfalls in Lagern für afghanische Flüchtlinge in Pakistan im Unterricht eingesetzt. Auch die Taliban verwendeten die von den USA produzierten Bücher. Um die Bücher mit ihrer Ideologie des Bilderverbots in Einklang zu bringen, wurden die menschlichen Gesichter darin herausgeschnitten.“

Aus dieser gegen den Kommunismus kämpfenden Kampftruppe, damals noch vom Wort Dschihad abgeleitetem „Mudschahedin“ genannt, entstand später die Terrororganisation al-Qaida. Schon kurz nach Abzug der Sowjets aus Afghanistan kippte der Hass auf die Vereinigten Staaten, der mit Sicherheit schon in der Ausbildungsphase präsent war, und gipfelte im Jahre 2001 mit den Anschlägen auf die twin towers.

Mit anderen Worten: man erntet was man sät. Oder besser gesagt: wir ernten, was sie gesät haben. Denn die Verantwortlichen hatten bis heute selbstredend keine persönlichen Konsequenzen zu befürchten. Ganz im Gegenteil. Der nach den Anschlägen ausgerufene „Kampf gegen den Terrorismus“ führte zum Einmarsch in Afghanistan und den Irak, was für Besitzer und Aktionäre von Erdölfirmen, hier sei  die Familie Bush genannt, nicht besser hätte laufen können. Wer wirklich glaubt, der Einmarsch in den Irak hatte das Ziel, den biologische und chemische Waffen in der Garage parkenden Saddam, was sich übrigens als Lüge rauskristallisierte, zu bekämpfen, hat sich gewaltig geschnitten. Herr Hussein zählte Jahre lang als Verbündeter des Westens, weil er gegen „das Böse“, den Iran, gekämpft hat. Sein Giftgas konnte er ungehindert am Volk der Kurden ausprobieren. Der Einmarsch in den Irak verfolgte natürlich wirtschaftliche Interessen.

Eine klare Ursachenanalyse über die Entstehung von al-Qaida sucht man in den Leitmedien vergebens. Nur einzelne Reportagen, die vielleicht mal um 3 Uhr morgens ausgestrahlt werden, oder die man sich mühsam im Internet zusammensuchen muss, geben Aufschluss. Auch wird nur angehaucht, dass Partnerländer des Westens, beispielsweise Saudi Arabien und Katar, schon seit Jahren Terrorgruppen finanzieren, weil sie mit diesen gemeinsame Ziele haben, die durch die Angst eines „schiitischen Halbmondes“ im Orient angetrieben wird. Die Verneinung eines diktatorischen Ölscheiches reicht unserer Regierung diesen Gedanken zu verwerfen. Auch wird ungern gesagt, dass Teile der vom Westen finanzierten Freien Syrischen Armee mit ihrer Ausrüstung und dem know how zu ISIS rübergelaufen sind. Mit einem Passierschein durch das immer-verlässliche NATO-Mitglied Türkei, weil die türkische Regierung sich über jeden erfreut, der Kurden bekämpft.

Wenn weiterhin stets nur die Symptome des Terrors beachtet werden, wird dieser „Kampf gegen den Terrorismus“ ein Lauf im Hamsterrad bleiben. Die durch Arbeitslosigkeit verursachte Perspektivlosigkeit im Orient, die Finanzierung von Terrorgruppen und das Töten von Unschuldigen wird stets den Nährboden für neue Terrorrekruten bilden und immer wieder neue Maßnahmen im „Kampf gegen den Terror“ erfordern. Diese Maßnahmen, beispielsweise das „gezielte Töten“ durch Drohnen, was gar nicht mal so präzise ist wie es klingt, schüren täglich den Hass gegen den Westen, aber können gegen guerillakämpfende Terrorgruppen, deren Führungspositionen leicht ersetzbar sind, nicht sonderlich effektiv sein. Wenn durch staatlichen Terrorismus der USA und Deutschland, das in Ramstein nahe Kaiserslautern eine Garage für amerikanische Drohnen betreibt, ein Hochzeitskonvoi im Jemen von einer Drohne angegriffen wird, ist von Solidaritätsbekundungen mit dem Hochzeitspaar keine Spur. Kein Wunder, es gibt ja auch kein Bildmaterial dazu.

Um diesem doppelten Standart entgegenzutreten bekunde ich hiermit meine Solidarität für alle durch „Kollateralschäden“ getöteten Drohnenopfer und durch Bomben und Anschläge ermordete Menschen. „Je suis Al-Beidha“, die Region in dem der Hochzeitskonvoi durch eine „verirrte Drohne“ angegriffen wurde und 15 Menschen tötete. Den Namen der Menschen konnte ich in den Medien nicht finden, da die Meldungen über den Mord nur ein paar Zeilen lang waren.

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