Schöne Welt

Die beste Art, sich einer negativen Eigenschaft zu entledigen ist zweifellos, sich ein negatives Beispiel zu suchen. Will man beispielsweise seine alten Konsumgewohnheiten über Bord werfen, so denkt man doch am Besten an die eigenen aus der Vergangenheit, vielleicht sogar wie man sie ins Extreme getrieben hat. XXL-Restaurants, aus Pappe bestehende Mc-Donald´s-Burger und der günstigste Döner den man finden konnte. Und der Höhepunkt des Ganzen der warme Sommertag, an dem man sich im Netto eine Packung Toastfleisch aus der Gefriertruhe schnappte, „nur um es mal auszuprobieren“, was einen nicht davon abgehalten hat, es auch ein zweites Mal zu tun, weil es doch so praktisch war. Fürs Protokoll, es handelt sich wirklich um ein Stück Fleisch, dass man nach einer Minute im Toaster essen kann. Warum so ein Leben als negatives Fallbeispiel einer vergangenen Zeit überhaupt nötig ist? Weil man die Absurdität dieser Konsumgesellschaft hautnah erlebt hat und sie nicht länger unterstützen will. Warum so ein Lebensstil schlecht ist brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Es ist schließlich verpönt, seine Umwelt schlecht zu behandeln.

Oder muss ich es doch tun? „Gut behandeln“ würde doch Begriffe wie „bio“ oder „fairtrade“ als selbstverständlich voraussetzen. Das ist doch in aller Munde, ökologische Verantwortung und so. Die Realität ist hingegen eine alltägliche Verachtung der Umwelt. Viele sind zu arm, um dieser Entfremdung zu entgehen, sind verdammt dazu ein Zahnrad in der perversen neoliberalen Produktionskette zu sein, ohne an der Gefriertruhe auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden. Einige werden Vegetarier. Dass nur ein Bruchteil aller Produkte „fair“ gehandelt wird und 98 Prozent aller geschlachteten Tiere massenindustriell abgefertigt werden spiegelt das ökologische Bewusstsein unserer Gesellschaft wieder. Vollgepumpt mit Hormonen, damit das adulte Stadium auch wirklich innerhalb weniger Wochen erreicht wird. Vielleicht sogar ein zügiger Desinfektionsprozess in Chlor, damit die Laufbänder nicht angehalten werden müssen. Dreckige Zustände in den Schlachthäusern, ein Leben auf minimalstem Raum. Wehe es erginge einem Hund oder einer Katze so, dann wäre ich persönlich berührt und auch bereit eine Petition zu unterschrieben. Zum Glück sind es nur Schweine und Hühner. Das ist ja schließlich notwendig, sonst könnte man die Milliarden von Menschen auf diesem Planeten gar nicht ernähren.

Zum Glück ist der Preis, Tiere wie Ware zu behandeln, es wert, da man dafür seiner globalen Verantwortung nachkommen kann. Zum Glück verhungern nicht jeden Tag 24 000 Menschen. Oder tun sie es doch? Ich weiß es nicht, da ich kulturell und geographisch von diesen Teilen der Welt, in denen so fröhlich vor sich hingestorben wird, abgeschnitten bin. 1992, als ich noch ein Baby war, kam jedem dieser heikle Umstand noch live aus Somalia durch die Röhre ins Haus gespielt. Die Reaktion darauf war das Nachkommen der globalen Verpflichtungen durch eine „humanitäre Intervention“ der Westlichen Wertegemeinschaft. Heute sehe ich es nicht mehr, die hungernden und sterbenden schwarzen Kinder: aus den Augen, aus dem Sinn. Habe auch keinen Schimmer, dass ich mit meinem maßlosen Fleischkonsum die Preise für Mais, Hauptnahrungsmittel in weiten Teilen der Welt, ins Unermessliche treibe. Und ich weiß nicht mal mehr warum ich überhaupt über solche schlimmen Sachen nachdenke, heute ist doch alles besser. Die Welt ein schöner und friedlicher Ort geworden. Und die Werbung informiert mich stets über das neueste Produkt. Ich höre diese unterschwellige fröhliche Werbestimme sagen: “Sei froh, dass du im richtigen Teil der Welt geboren wurdest und in nur einer Minute getoastetes Hühnchen auf den Teller kriegst“. Und ich greife wieder zur Gefriertruhe. Weil es so günstig ist. Und so praktisch.

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